10 Jahre “Neun Thesen” – die Revolution der Volkshochschule

Vorsicht! Dieser Text ist fiktiv, braucht Fantasie und Humor. Er bezieht sich auf 
“Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen“, beschlossen auf dem Kongress ‘Erweiterte Lernwelten’ 2022.*

pixabay.com

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7. Juni 2032: 3D-Interview 036.78 für den holo.dis.kurs mit Tatjana Brandler, Leiterin des Community Learning Center (neuerdings: Lernzentralgemeinschaft Nord oder kurz LZG Nord*)

Luther Stark für den holo.dis.kurs: Frau Brandler, erinnern Sie sich an den Moment, als Sie stellvertretend für die LZGnord vor 10 Jahren, also 2022, die Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen auf dem Kongress „Erweiterte Lernwelten“ gezeichnet haben?

Tatjana Brandler: Ja, ich erinnere mich gut. Es war ein erhebender Moment nach den sehr unruhigen Jahren davor, in denen wir um die Existenz von Volkshochschulen, wie sie damals noch hießen, fürchteten. Hinter mir an der Wand sehen Sie die 3D-Druck-Poster* der digitalen Handabdrücke der Unterzeichnerinnen*. Wir arbeiteten gleichzeitig daran, unsere vielen Niederlassungen in zentrale Regionalgemeinschaften umzustrukturieren, und hatten kurz vorher die Leiterinnen der 6 LZGs gewählt. Es war eine harte Zeit. Die öffentliche Förderung ging trotz der lauter werdenden Rufe nach Lebenslangem Lernen zurück. Projektgelder wurden immer komplizierter und bürokratischer abzurufen und gleichzeitig reichten sie kaum, um Projekte zu finanzieren. Die Mitarbeiterinnen in den Volkshochschulen gingen oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus, insbesondere im Bereich der Integrationsarbeit. Die Welt um uns herum bewegte sich so viel schneller, als das System Öffentlicher Dienst es uns erlaubt hat. Um zu überleben, mussten wir uns radikal umstrukturieren. Gleichzeitig Ressourcen bündeln, also zentraler werden. Aber auch dem Wunsch des Kunden nach Nähe der Lernräume zum Wohnort nachkommen und viel mehr in die Stadtteile und Quartiere gehen. Anfang der 20-er waren wir auf dem Höhepunkt des Generationswechsel in den einzelnen Institutionen. Viele zentrale Figuren der Erwachsenenbildung und Bewahrerinnen der Idee der Wissensvermittlung gingen in den wohlverdienten Ruhestand. Sie nahmen auch das Gefühl für den gesellschaftlichen Auftrag der Volkshochschulen mit sich, sozusagen die Seele von Volkshochschule. Frau könnte sagen, wir mussten neu geboren werden. So entstanden zwischen 2018 und 2022 die Neun Thesen, das neue Selbstverständnis der Lernzentralgemeinschaften oder Community Learning Center. Ein mühevoller Weg. Aber eine Revolution bedeutet immer viel Kraftaufwand, Zweifelerinnen und Reibung. Und es war eine Revolution.

Luther Stark: Sie waren damals eine treibende Kraft und leiten nun die Lernzentralgemeinschaft Nord. Geben Ihnen die Neun Thesen das, was Sie brauchen, um eine solch große Gemeinschaft mit all den kleinen Zellen, Lernräumen in den Städten mit ihren Stadtteilen, Orten und ländlichen Regionen zu bespielen?

Tatjana Brandler: Das hört sich an, als würde ich das alles von meinem Holotisch* aus steuern (lacht). Das kann ich ja gar nicht. Jeder Lernraum hat seine ganz eigene Persönlichkeit und muss diese selber gestalten dürfen. Zentral sprechen wir gesellschaftliche Kernthemen ab, beraten bei der Ausstattung, fördern neue Projekte, bis diese in die Crowd übergehen, und leiten die Community für unsere Lernbegleiterinnen. Die Onlineproduktlinie betreuen wir zentral in der Datensicherung, kümmern uns um den Datenschutz und stellen die nötigen Plattformen, die LZGCloud und die wandernden Werkstätten zur Verfügung*. Wir betreuen die Community-Learning-OERPlattform und erstellen nach Bedarf OER-Materialien als Grundlage für unsere Lernräume. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel ein eigenes 3D-Modell für einen LZGBabbelfisch* kreiert – das wäre zu aufwändig für einen Lernraum allein gewesen, aber der Bedarf war groß. Wir haben natürlich auch zentrale Community-Manager – aber die bleiben meist im Hintergrund und machen das Monitoring, leiten Fragen an die Lernbegleiterinnen weiter. Wir halten das Grundgerüst beweglich. Für das Leben, die Projekte, die Lernpfade sorgen unsere Lernbegleiterinnen in den Lernräumen mit den Lernenden zusammen. Die Neun Thesen und deren Wirksamkeit für unsere Lernende Arbeit überprüfen wir jedes Jahr in einem zentralen LZGbarcamp für die Lernraumleiterinnen.

Luther Stark: Gibt es noch Menschen, die noch nie in einem ihrer Lernräume waren?

Tatjana Brandler: Das kann ich mir nicht vorstellen. Denn unsere Lernräume sind institutions- und bildungshausübergreifend offen und viele Projekte arbeiten mit Menschen in jedem Alter und in ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Wir begleiten auch Unternehmen durch Talent-MOOCs und projektorientiertes Lernen. Da müsste frau schon aktiv versuchen, sich von uns fernzuhalten – aber wozu?

Luther Stark: Sie sprachen von öffentlicher Förderung. Wie genau hat das funktioniert?

Tatjana Brandler: Steuergeldfinanzierte Förderung nach Unterrichtseinheiten. Jetzt zahlt ja die Crowd die Lernräume – die Stadt oder die Region stellt die Hardware zur Verfügung. Die Anträge hierfür sind hochkompliziert und wir haben eine eigene Abteilung für die Anträge und Abrechnungen. Manche Anschaffungen finanzieren wir lieber über die Plattform durch Pennypay*, das ist einfacher zu steuern und die Durchführung ist wesentlich sicherer.

Luther Stark: Ein weiterer Begriff, dem man oft begegnet ist, ist die Chancengleichheit. Es bedeutet, dass alle Menschen das Recht auf Lernen – oder Bildung, wie es damals hieß – haben. Würden Sie sagen, die LZGnord bietet heute allen gleichermaßen die Möglichkeit zu lernen? Auch ohne dass die Chancengleichheit noch konzeptionell gefordert wird?

Tatjana Brandler: Vor etwa 20 Jahren war sehr wichtig, das Thema Chancengleichheit immer wieder zu fordern. Durch einheitliche Curricula – also einen Lernpfad für alle aus einer Gruppe oder sogar einer Klasse – wurden die persönlichen Neigungen und Stärken der Menschen nicht berücksichtigt. Jede sollte am selben Ziel zur selben Zeit über denselben Weg ankommen. Die Erfahrung über viele Jahre zeigte, dass dies eher zur Demotivation führte und viele Menschen die Lust auf das Lernen verloren. Das führte zu einer Spaltung. Die Menschen, für die die angelegten Curricula funktionierten, und die, die sich über das Selbstlernen weiter entwickelten. Und die vielen, die ohne Unterstützung nicht wussten, wie und wo sie zum Lernen finden konnten. Das ist jetzt sehr verkürzt dargestellt, trifft aber in etwa den Kern. Über die Möglichkeiten, die das sich entwickelnde Internet um die Jahrtausendwende bot, fingen die Menschen an, jenseits von Lehrplänen und von anderen vorgegebenen Lernzielen selber zu lernen. Unabhängig von festgelegten Orten und Zeiten. Wissen musste nicht mehr auf Vorrat angelegt werden, da über das Internet die Informationen jederzeit und überall zugänglich waren. Wissen konnte auch nicht mehr auf Vorrat angelegt werden, da sich Informationen und äußere Umstände so schnell änderten, dass man beinahe täglich umdenken musste. Bei diesen zentral nicht steuerbaren Prozessen braucht es natürlich eine neue Definition für Chancengleichheit. Zwar haben wir durch personalisiertes Lernen, also durch die durch Algorithmen individualisierten Lernpfade, die Möglichkeit, auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen, aber die wirkliche Revolution wäre, wenn wir es schaffen würden, die Lernziele an die Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Im ganzen System des Lernens gehen wir immer noch sehr von vergleichbaren Ergebnissen aus. Und solange das der Fall ist, sind wir noch nicht wirklich bei einer Chancengleichheit für alle angekommen. Auch wenn es so als Begriff politisch nicht mehr gewollt ist, weil wir durch die New-Classroom-Methode (die tatsächlich seit 2015 so heißt) wirklich viele Schritte weitergekommen sind, finde ich, wir müssen dringend daran weiterarbeiten.

Luther Stark: Freuen Sie sich, die Leitung nächstes Jahr an ihre Nachfolgerin Marvin Weingartner zu übergeben? Was haben Sie danach vor?

Tatjana Brandler: Ja, ich freue mich. Marvin bringt viel Erfahrung im holo.lernen mit. Das wird die nächste Stufe sein. Damit tue ich mich allerdings ein wenig schwer. Es irritiert mich, so viele Menschen um mich herum zu sehen, die eigentlich an ganz anderen Orten sind. Und ganz der Neigung entsprechend, mit anderen Menschen physisch an einem Ort zu sein, möchte ich mir die Zeit nehmen zu reisen. Andere Kulturen vor Ort wahrzunehmen, ganz unterschiedliche Menschen, Speisen und kulturelle Gewohnheiten direkt körperlich zu erfahren. Dazu hat mir in den letzten Jahren einfach die Zeit gefehlt.

Possible oder Impossible? Bitte kommentieren.

 

*Glossar für die zeitreisenden Leser*innen:

Holo.dis.kurs – seit 2020 gängige Form der holografischen Zeitschrift

Community Learning Center oder LernZentralGemeinschaft (kurz LZG) – hat etwa 2025 den Begriff Volkshochschule (kurz VHS) abgelöst. Es gibt derzeit 6 LZGs in Deutschland: Nord, Süd, West, Ost, Mitte und Bayern.

Kongress „Erweiterte Lernwelten“ 2022 – das ablösende Format für den vhsTag, den es zuletzt 2021 gab. Diese Kongresse finden nun als Barcamp jährlich statt.

3D-Druck-Poster – bis 2020 unterschrieb man Verträge, danach wurden diese mittels fälschungssicheren 3D-Handabdrücken geschlossen (auch weil immer weniger Menschen schreiben konnten).

Unterzeichnerinnen – im Jahr 2032 nutzt man durchgängig die weibliche Form. Sprachwissenschaftlerinnen einigten sich 2020, zum Ausgleich der 500 Jahre dominierenden männlichen Formen nun 500 Jahre die weiblichen Formen zu nutzen.

Holotisch – seit 2025 ist der Computer zum interaktiven Arbeitstisch geworden

Lernraum – gab es bis 2020 noch Volkshochschulen, die zentral in einem Gebäude in einer Stadt untergebracht waren, etablierten sich ab 2025 Lernräume in den Quartieren. Während auf der einen Seite die Organisation zentraler wurde, zogen das Lernen und die Lerngemeinschaft in dezentrale, selbstverwaltete Lernräume ein. Um 2020 herum nannte man sie Co-Learning-Spaces, ging dann aber dazu über, viele Anglizismen durch deutsche Begriffe zu ersetzen.

Crowd – die Gemeinschaft, hier: die einen Lernraum unterstützt und finanziert

LZGCloud, wandernde Werkstätten, LZGBabbelfisch – bitte hier der eigenen Fantasie freien Lauf lassen.

Pennypay – Plattform und Zahlmethode, die es erlaubt schon KLeinstbeträge zu spenden zB durch Aufrunden der Summen beim EInkauf.

Lernbegleiterinnen – hießen bis 2020 Kursleitungen oder Dozentinnen.

Ein Lernpfad ist ein personalisiertes Curriculum.

Ein Gedanke zu “10 Jahre “Neun Thesen” – die Revolution der Volkshochschule

  1. Die VHS der Zukunft! Super Idee die VHS rückblickend von der Zukunft zu denken. Der Ansatz erstaunt nicht – es wird vieles so sein 2032 – neben fahrerlosen Autos, anderen und neuen Formen der Bürgerbeteiligung und einer revolutionierten Arbeitswelt durch neue Techniken für die es keine Menschen mehr Bedarf muss sich die Weiterbildung für die Zukunft neu aufstellen. Die VHSen werden dadurch neuen Aufgaben und Herausforderungen gegenüber stehen. Welche Lernwelten mit welchen Inhalten in welchem gesellschaftlichen Rahmen? Welche Bedeutung wird die Arbeitswelt dem Menschen geben. Die Bedeutung des Ehrenamtes wird zunehmen. Gendergerechtigkeit wird sich zugunsten männlicher Dominanz zurück entwickeln. Community Learning Center werden kommen. VHSen werden sich verändern müssen und neu aufstellen. Ich freue mich auf die neue VHS – mit Raum für innovative Ideen. Aber ich fürchte die Verteilungskämpfe um Förderungen, wenn der prognostizierte Verlust der Wirtschaftskraft eintritt und Weiterbildung sich internationalen Verträgen unterordnen muss.
    Pennypay als gute Idee wird im auflösenden Mittelstand nicht funktionieren. Die VHSen müssen sich digitalisieren und revolutionieren. Für wen – als spannendste Frage, in welcher Form, mit welchen Mitteln und mit welchen Inhalten?

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