200.000 VHS-Kursleitungen, da geht doch was!

Digitale Teilhabe ohne unsere 200.000 Kursleitungen? Das wird nicht funktionieren.

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Weiterbildung in einer digitalisierten Gesellschaft stellt Volkshochschule und ihre Kursleitungen vor ganz verschiedenartige Problemstellungen. Eine der zentralen Fragen für uns ist: Werden wir durch digitale Angebote weniger Kurse realisieren können? Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Aber eines ist gewiss:Schlüssel zu unseren Kursen sind die freiberuflichen Kursleitungen.

Die Teilnehmer*innen beurteilen die VHS-Arbeit über die Qualität unserer Kursleitungen. Die Kompetenz ist uns Volkshochschulen deshalb sehr wichtig. Landesverbände und Volkshochschulen bieten deshalb reichhaltige Fortbildungsprogramme an.  Einführungen für digitale Lernsettings sind mittlerweile Standard.

Viele pädagogische Kollegen*innen fühlen sich für „ihre“ Kursleitungen verantwortlich. Das ist gut, verhindert aber nicht einen Kursausfall. Erfolgreiche Kurse werden nicht immer erfolgreich bleiben können. Mal ist der lokale Markt mit anderen Angeboten gesättigt, mal finden sich zu wenig Teilnehmer*innen, mal ist das Thema nicht mehr aktuell. Und was dann? Kurs abgesagt, Kursleitung verliert wichtiges Honorar. Pech gehabt.

Alternativen zum traditionellen Präsenzkonzept könnten auch digitale Lernsettings sein. Im Moment suchen sich innovative, digital orientierte Kursleitungen eine ebensolche innovative Umgebung. Pink University, Udemy, video2brain oder andere sind hier bereits vielfältig tätig. Wenn wir Kursleitungen in diesem Umfeld ansprechen wollen, wenn wir also digitale Lernsettings als Erweiterung zu unseren Präsenzkursen anbieten wollen, brauchen wir technisches und didaktisches Know How in unseren Einrichtungen UND bei unseren Kursleitungen. Darüber hinaus wird es ohne neue Online-Vertriebsformen nicht gehen. Der Markt für Online-Angebote endet nicht an der kommunalen Fördergrenze. Das Konzept der „erweiterten Lernwelten“ sagt zum Thema Vermarktung im deutschsprachigen Raum noch wenig, da der Fokus auf Blended-Formate (im Web und vor Ort) gelegt wird.

Insgesamt greifen die über 900 Volkshochschulen auf ca. 200.000 freiberufliche Kursleitungen zurück. Da gibt es doch Menschen, die für neue Konzepte ansprechbar sind. Für Kursleitungen ergeben sich durch die Digitalisierung neue Chancen, die die Abhängigkeit zu einzelnen Volkshochschulen verringert. Einige möchte ich hier anregen und unsere Kursleitungen animieren, weitere Beispiele zu nennen.

Neue Kurskonzepte

– Flipped Classroom
Wir treffen in den Kursen oft auf sehr heterogene Lernteilnehmer*innen, deren Wissensbasis sehr unterschiedlich ist. Das Flipped-Classroom-Konzept soll vor dem eigentlichen Kursbeginn ein Basiswissen zum Kurs vermitteln. Dieses Wissen wird vorab mit Videos und Links zur Verfügung gestellt. Dies kann die Kursleitung individuell anbieten oder die Volkshochschule packt diese Inhalte auf eine Lernplattform z.b. Moodle. Das daraus resultierende Kurskonzept kann sich somit auf die Inhalte konzentrieren, die zum Lernerfolg führen sollen. Das können erweiterte Wissensbausteine sein, das kann ein Gespräch zwischen den Teilnehmenden sein oder eine Anwendung des Basiswissens in einzelne Projekte. Mit diesem Konzept erhoffen wir uns ein intensiveres und erfolgreicheres Lernergebnis. Evtl. lassen sich dadurch Präsenztermine verringern und Kurszeiten flexibler gestalten. Auswirkungen auf die Raumauslastung sind da eher Nebeneffekte.

– Spezialkurse
Wir kennen es in den Volkshochschulen sehr gut. Wir bieten Kurse auf dem Niveau 1 und 2 an und für das Niveau 3 melden sich nicht ausreichend Interessierte an. Wir schließen diese Kurse. Das führt bei den Volkshochschulen zu unzufriedenen potentiellen Kunden, und das in der Zielgruppe der Intensivlerner. Im Freundeskreis wird die VHS dann eher für die Anfänger wahrgenommen, worauf wir uns nicht reduzieren lassen wollen. Es führt zu Einnahmeverlusten unserer Kursleitungen.

Wäre es nicht sinnvoll, die Module 1 und 2 in bisheriger Präsenzform anzubieten und das Modul 3 als Online-Special-Kurs ins Programm zu nehmen? So könnten auch zum Thema Photoshop eine Reihe von Spezialkursen realisiert werden. Optimistisch macht mich dabei, dass es in der Summe ausreichend Interessierte für diese Spezialkurse gibt, denn der Markt ist ja überregional für den deutschsprechenden Raum.

Für unsere Kursleitungen bedeutet das eine sichere Einnahmequelle. Je nach Konzept können diese Lerneinheiten als Webinarkonserve produziert werden oder aber als Live-Webinar mit Feedbackmöglichkeit der Teilnehmenden. Kursleitungen könnten so auch ein Bündel von Fortbildungen gestalten. Der Aufwand zur Entwicklung könnte zentral bereitgestellt werden. Es würde evtl. auch ein gemeinsames Marketing bereits ausreichen, um die Entwicklungs- und Honorarkosten mittelfristig einzuspielen.

Voraussetzung zum Erfolg ist hierbei eine Veränderung im Vertrieb der Volkshochschulen. Hier fehlt es den Volkshochschulen noch an einer überregionalen Vermarktungsplattform, jenseits der Programmhefte.

– Online-Kurse
Wenn Kursleitungen reine Online-Kurse konzipieren, können diese natürlich jeder Volkshochschule angeboten werden. Manchmal haben Kursleitungen gute eigene Ideen, die von der örtlichen Volkshochschule nicht angenommen werden. Das wäre nicht so tragisch, denn unter den über 900 Volkshochschulen finden sich sicher welche, die ein geeignetes Angebotsportfolio vorhalten, in das der Online-Kurs integriert werden kann.

Manchmal sind die VHS-Kunden schon an solche Angebote herangeführt worden und die Nachfrage ist vorhanden. Hier fehlt allerdings noch die Infrastruktur für Kursangebote.

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Ideen sind sicherlich vorhanden. Was fehlt, sind überregionale Strukturen, eine Börse für Online-Kurse und ein gemeinsames Marketing für Online-Kurse.

Volkshochschulen möchten als moderne Bildungseinrichtungen wahrgenommen werden. Dazu braucht es auch innovative Kurse. Wir benötigen also auch innovative Kursleitungen. Sind wir dafür bereit? Sind wir bereit, digitale Kurskonzepte in der Entwicklung zu bezahlen? Können wir eine Lernplattform vorhalten oder haben wir Lernräume auf Social-Media-Plattformen?

Sollte eine Strategie mit wirtschaftlichen Ressourcen vorhanden sein, kann diese Frage mit Ja beantwortet werden. Wenn diese Strategie nicht vorliegt, werden die Kursleitungen zum Nulltarif Entwicklungen anschieben müssen. Ob Sie das angesichts des sowieso schon geringen Honorars tun werden?

Das Konzept der erweiterten Lernwelten ist in diesem Punkt ambitioniert. Es wird sich zeigen, ob wir Volkshochschulen hier neue Plattformen aufbauen oder mit anderen Playern kooperieren wollen. Auch hier sind unsere Kursleitungen der Schlüssel zum Erfolg. Es scheint, als würden Volkshochschulen immer noch von einem Bekanntheitsgrad von über 80% ausgehen und alle Menschen, die anderen etwas beibringen wollen, kämen schon automatisch. Für einen wichtigen Teil von Wissensträgern gilt das nicht mehr. Dort in den Start-Ups, in den lockeren Arbeitsnetzwerken kommt die VHS nicht vor. Sie ist vom Radar verschwunden. Durch Präsenz in sozialen Netzwerken und an den neuen Orten der Begegnung werden wir wieder Boden gut machen. Mit dem Konzept der „erweiterten Lernwelten“ haben wir auch wichtige Anknüpfungspunkte.
Ich freue mich sehr über Kommentare von Kursleitungen, die auf diesem Weg ihre Erfahrungen einbringen wollen.

Ein Gedanke zu “200.000 VHS-Kursleitungen, da geht doch was!

  1. Hallo Herr Sucker,
    danke für Ihren nachdenklichen und zukunftsweisenden Blog-Beitrag.
    „Wir benötigen also auch innovative Kursleitungen“, schreiben Sie. Ich bin eine der 200.000 Kursleitungen – die Zahl ist wirklich beeindruckend. Und ich gehöre zu denjenigen, die schon Online-Kurse entwickelt haben – außerhalb der VHS. Mein erster und einziger Versuch eines Blended Learning Kurses an einer Berliner VHS vor ca drei Jahren war aufwändig und enttäuschend. Der Online-Teil (auf Moodle) war optional und sollte die Teilnehmer nach Abschluss des Kurses mit zusätzlichen Materialien, Übungen und einem Forum beim Lerntransfer unterstützen. Damals haben nur ca 1/3 der Präsenzteilnehmer in die digitalen Angebote reingeschaut, aktiv beteiligt hat sich niemand. Okay, das war noch vor meiner Spezialisierung als Virtual Teacher an der University of California Irvine. Sicher hatte ich die Teilnehmer im digitalen Raum zu wenig abgeholt und aktiviert. Allerdings glaube ich, dass die meisten Menschen, die sich aktuell für VHS-Angebote interessieren, den Austausch in der realen Welt vorziehen. Wenn ich Teilnehmer meiner Präsenzkurse (Charisma-Training, Selbstführung) nach ihrem Interesse für digitale Angebote frage, ist das jedenfalls die Antwort. Deshalb frage ich mich, wie neue, internet-affine Zielgruppen von den VHS überzeugt werden können.Da braucht es erstmal ein paar attraktive Angebote.
    Interesse für Online-Lernen ist übrigens nicht unbedingt eine Frage des Alters (ich bin 50+ und begeisterte MOOC-Teilnehmerin), sondern eher der Erwerbsbiografie.
    Ihr Ruf nach überregionalen Strukturen, die digitale Angebot bündeln, macht aus meiner Sicht Sinn.
    Als Kursleiter für den Null-Tarif Entwicklungen anschieben? Ganz ehrlich – das werde ich im VHS-Rahmen nicht noch mal tun, denn gute digitale Kurse sind aufwändig zu erstellen.
    Ihre Idee, Kurse für Fortgeschrittene (z.B. Sprachen) digital anzubieten, gefällt mir.
    Nochmals danke für den interessanten Beitrag
    Christine Radomsky

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