VHS: Anwalt oder Moderator?

Joachim Sucker im Gespräch mit Dr. Christoph Köck, Verbandsdirektor des Hessischen Volkshochschulverbandes und stellv. Vorsitzender des Finanz- und Organisationsausschusses des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Das Gespräch wurde in einem Rutsch kollaborativ per Google-Doc erstellt.

Sucker: Christoph, seit wie vielen Jahren wirst Du eingeladen, über digitale Lernwelten zu sprechen? Erinnerst Du Dich an Dein erstes Mal?

Dr. Christoph Köck

Dr. Christoph Köck

Köck: Das war im Jahr 2005 auf einer kulturwissenschaftlichen Konferenz der Universität München. Eine Tagung zum Thema “Bilderwelten”. Ich habe damals versucht, die Funktion der Bildsprache des Internets im Kontext des Lernens aufzuarbeiten. Danach ging es dann Schlag auf Schlag. Das Phänomen Web 2.0 wurde “erfunden” und ich denke, daß ich in der Folge etwa 70 Veranstaltungen zum Thema Web 2.0 und Erwachsenenbildung durchgeführt habe, viele davon im Rahmen des vhs-freelearning-Projektes im Bayerischen Volkshochschulverband und später auch im hessischen Landesverband.

Sucker: Und nun, 11 Jahre später – was ist anders ?

Köck: Heute sprechen ja viele vom “Lernen 4.0,” was natürlich einigermaßen unsinnig ist, weil ja das 4.0 eine spezifische Bedeutung im Rahmen der vierten industriellen Revolution hat. Es meint das “kluge” miteinander kommunizieren von Chips und Robotern im Produktionsprozess. Der Mensch ist also im wesentlichen außen vor (außer als Programmierer und Controller und Maschinenbauer). So funktioniert Lernen, zumindest soziales Lernen natürlich nicht.

Sucker: Aber eines können wir doch feststellen: Digitalisierung ist auf der Agenda der Volkshochschulen angekommen. Nina Oberländer hat im Blog gerade im Gespräch mit Stefan Will den Masterplan Erweiterte Lernwelten vorgestellt. Das ist das Eine, dass Andere ist: Welche Aufgaben in der Bildung ergeben sich für die Volkshochschulen?

Köck: Ich sehe momentan zwei wesentliche Zielrichtungen: die Erste ist, dass wir Digitalisierung tatsächlich für den BILDUNGSprozess nutzen, also nicht nur zur Optimierung der Wissenvermittlung. Das heißt für die Volkshochschulen: sie können Lernen zukünftig mit Unterstützung von digitalen Lernwerkzeugen so gestalten, dass es den persönlichen Voraussetzungen und den Entwicklungsperspektiven der Lernenden viel eher entspricht als ein kollektives “Beibringen” im klassischen Unterricht. Und zum Zweiten können wir mit neuen sogenannten “erweiterten” Formaten Menschen an Bildungsprozessen beteiligen, die bislang außen vor sind: also zum Beispiel Teilnehmende, die aufgrund von Behinderungen nicht in die vhs kommen können, die weit weg vom nächsten Veranstaltungsort wohnen oder einfach solche, die nicht 15 x 2 Stunden in einen Kurs kommen möchten.

Sucker: Soweit so gut, kommen wir aber mal vom individuellen Lernsetting weg, hin zu den Aufgaben von Volkshochschule. Die Digitalisierung hat ja nicht an der EDV-Abteilung halt gemacht, sondern wälzt zurzeit die Gesellschaft wesentlich um. Die Teilhabe an dieser digitalen Gesellschaft wird nur mit neuen digitalen Werkzeugen möglich sein. Seit dem ichMOOC spreche ich hier von digitaler Grundbildung. Volkshochschule sollte Interessierten ein Stück digitale Gesellschaft, digitale Anwendungen näherbringen. Wenn wir von “Bildung für alle” sprechen, müssen wir dann nicht Anwalt für die breite Bevölkerung sein? Ein Anwalt, der erklärt, der auf Widersprüche aufmerksam macht?

Köck: Hmh, das würde ich so nicht sehen. Unser bis heute in vielen Zusammenhängen verfochtenes Leitprinzip “vhs=Bildung für alle” ist ja schon ziemlich anspruchsvoll. Da behauptet eine Institution, sie wäre in der Lage zu wissen, was denn die richtige Bildung für alle wäre. Und dann auch noch, was denn die richtige Grundbildung sei. Und zudem in einem Bereich, in dem wir selbst noch eine ganze Menge Professionalität entwickeln müssen. Ich bin da sehr skeptisch. Ich denke, die Rolle der vhs ist eine andere: sie kann Bildungsprozesse moderieren, Menschen und Wissen und Erfahrungen zusammenbringen. Zum Beispiel Tandems aus Jüngeren und Älteren, die sich gemeinsam die für sie nützlichen digitalen Welten erschließen. Aber dass wir sagen: “ich weiß, was für Euch gut ist”, das funktioniert heute nicht mehr. Daher spreche ich eher davon, dass VHS in Zukunft “Bildung mit Allen” oder zumindest “Bildung mit Vielen” unterstützt.

Sucker: Heißt das, die VHS geht aus der “Verantwortung” für ein funktionierenden Miteinander in unserer Gesellschaft heraus? Als ich 1991 in der VHS anfing, gab es noch Kurse, die erklärten, wie der Wirtschaftsteil in der Süddeutschen zu lesen sei. Wer erklärt heute den Kassiererinnen, warum sie in 5 Jahren den Job los sind? Ist das nicht ein Stück “Verantwortung”, das digitale Zeitalter zu vermitteln und dabei zu helfen, individuelle Strategien für den Einzelnen anzubieten?

Köck: Ja natürlich, und das widerspricht ja nicht wirklich meinen Ausführungen. Meine These ist, dass vhs der Kassiererin nicht wird sagen können, was genau in ihrem Supermarkt passieren wird. Sie kann aber Menschen zusammenbringen, z.B. Softwareentwicklerinnen und Wirtschaftsethiker und Großhandelsmanager, deren Expertisen dann gemeinsam mit den Erfahrungen der Kassiererin ausgewertet werden können. Da wird dann viel mehr Miteinander gestaltet, als wenn ich einen Vortrag zum Thema Arbeit 4.0 anhöre und erschrocken nach Hause gehe.

Sucker: Also VHS moderiert und bringt Menschen zusammen. Wo bleibt da eine eigene Position? Oder braucht es die nicht mehr?

Köck: Volkshochschule hat sich ja immer als eine von den Interessen der gesellschaftlichen Gruppen unabhängige Institution gesehen. Dass sie selbst politische Interessen verfolgt (außer in der Bildungspolitik) halte ich für abwegig. Sie sollte aber Menschen dazu motivieren und ein Stückweit dazu befähigen, sich selbst Positionen zu erarbeiten und diese auch vertreten zu können. Und dies natürlich auch im digitalen Raum.

Sucker: Was brauchen wir Deiner Meinung nach, um diese Funktion wahrnehmen zu können?

Köck: Dazu bedarf es einer Stärkung dessen, was wir politische oder gesellschaftliche Bildung nennen, denn hier geht es um Teilhabe. Ich meine ganz konkret, wir sollten in diesen Bereich vermehrt Ressourcen investieren, Personal und auch echtes Geld.

Sucker: Also eine Initiative für eine digitale Grundbildung?

Köck: Nein, das ist ein irreführender Begriff (s.o.). Ich denke, wir sollten “Digitalität” als gesellschaftliches Phänomen in den Fokus nehmen. Das umfasst dann auch die digitale Identität, die wir ausprägen, in Relation zu dem, was in der sogenannten analogen Welt passiert. Trennen kann man beides ja sowieso nicht mehr.

Sucker: Eine letzte Frage noch: Welche Initiative wird der Landesverband Hessen ergreifen?

Köck: Wir werden das in diesem Herbst auf einer Konferenz mit den Volkshochschulen beraten. Das ist immer ein guter Weg. Ich möchte nichts vorgeben und baue auf die Weisheit der Vielen. Sehr gespannt bin ich natürlich auf das Programm “Erweiterte Lernwelten” vom Deutschen-Volkshochschul-Verband. Die angekündigten “Digicircles” eröffnen ja ein breites thematisches Feld. Und da wird sich Hessen natürlich auch beteiligen.

Sucker: Christoph, ich danke für dieses Gespräch und hoffe, dass den Worten Taten folgen 😉

Köck: Logo, Joachim :-), und auch Dir vielen Dank !

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