Die Ent-Taktung des Lernens

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CC0 – Verlassene Fabrik

Unser Lernen ist getaktet. So als gäbe es Zeiten, in denen wir lernen und Zeiten in denen wir nicht Lernen. Das eine ist der Unterricht, unterteilt in 45 Minuten Einheiten, das andere die Pause oder die Ferien. Die Pausenglocke trennt das eine vom anderen.

Jetzt gibt es das Internet mit Youtube, Smartphones mit Lernapps. Gelernt wird in Häppchen und wir können jederzeit auf Pause drücken und später weiterlernen. Auch das ist Lernen in einer digitalisierten Welt.

Eigentlich ist das nichts Neues. Wir reden schon lange von formalem und informellem Lernen, nicht erst seitdem es Online-Lernen gibt. Doch jetzt werden die Grenzen immer fliessender. Lerneinheiten kürzer.

Auch wenn wir in Volkshochschulen noch viel an der 45-Minuten-Taktung und an Semesterzeiten festhalten, auch weil viele Kund*innen das noch einfordern, wird es zunehmend erforderlich auch andere Angebote, die offener sind, anzubieten.

Zur Zeit habe ich als Kundin der VHS während des Semesters hauptsächlich die Wahl zwischen Kursen, die über 12-15 feste Termine laufen, Wochenendseminare am Samstag und Sonntag oder Bildungsurlaube über eine Woche. Das heißt, ich muss mich für relativ viel Zeit auf einen bestimmten Ort festlegen.

Wie lange passt dieses Angebot noch unseren Kund*innen und zukünftigen Kund*innen? Das Internet ändert nicht nur unser digitales Verhalten sondern auch unsere Bedürfnisse in der Präsenz. Wir wissen, dass wir ortsunabhängig und terminungebunden lernen können und gewöhnen uns an mehr Flexibilität im Lernen. Das bedeutet auch, dass wir uns nicht mehr für 12 Termine jeweils donnerstags um 19 Uhr binden können oder wollen. Nur wenige können sich eine ganze Woche einen Bildungsurlaub fern der Arbeit erlauben. Oder Samstag und Sonntag von der Familie weg sein. Viele möchten auch in den Semesterpausen weiter die Ateliers und Bewegungsräume nutzen.

Einen Teil der Inhalte dieser Kurse und Seminare könnten sehr gut aufbereitet und digital im Vorfeld zur Verfügung gestellt werden, als Flipped Classroom. Kursinhalte können in online und Präsenz Anteile aufgeteilt werden, als Blended Learning. Die digitalen oder Online Inhalte kann ich in meiner eigenen Zeiteinteilung lernen und dort wo ich möchte. In den Präsenzteilen habe ich Kontakt zu meinen Mitlernenden und den Dozent*innen.

Selten sitzen wir noch für eine Stunde am gleichen Thema ohne kurze Unterbrechungen weil wir etwas nachschauen oder kurz jemandem eine Nachricht schreiben über das was wir gerade entdeckt oder gelernt haben. Nicht umsonst boomen gerade Serienformate bei Netflix und Amazon. Sie sind statt 2 Stunden Kinofilm, nur 40 Minuten lang und wir können sie auf den Plattformen schauen wann wir möchten und nicht wenn sie im Sendeplan stehen. Als optimale Länge für ein Youtube Erklärvideo werden 2,5 Minuten empfohlen weil sonst die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen nachlässt.

Diese Entwicklung ist ein schleichender Prozess. Im Moment scheint es für die VHS-Kurse noch nicht allzu relevant. Aber, wenn wir die Menschen fragen, die nicht zur VHS gehen, sondern andere Formen nutzen, dann dürfte sich jetzt schon außerhalb der VHS-Mauern der neue Markt deutlich abzeichnen.

Wie geht ihre Volkshochschule / Lerninstitution auf diese neuen Bedürfnisse ein? Haben Sie neue Formate entwickelt? Geben Sie ihren Kund*innen etwas für “Zwischendurch” oder zum “Vorlernen” oder “Nachbereiten” mit?