Digitale Bildung ohne Erwachsenenbildung?

Die Kultusministerkonferenz (KmK) hat ihr Papier zur „Bildung in der digitalen Welt“ vorgestellt. Besonders ist dabei herauszustellen, dass es sich um einen 1. Entwurf handelt. Die Öffentlichkeit ist aufgerufen, hierzu Kommentare oder Veränderungswünsche abzugeben. Der Deutsche Volkshochschulverband ist dieser Einladung gefolgt und hat ein Statement erarbeitet, welches wir hier gerne im Wortlaut veröffentlichen.

„… Für die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ plädiert der Deutsche Volkshochschul-Verband mit Nachdruck für eine Einbeziehung des Erwachsenenlernens und der Weiterbildung. …“

Die Blogredaktion wird am 11.7.16 direkt bei der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Senatorin Dr. Claudia Bogedan nachfragen.


 

Kommentar zum Entwurfspapier

„Strategie der Kultusministerkonferenz ‚Bildung in der digitalen Welt‘“
vom 27.4.2016 (Version 1.0)

Einleitung
Das Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ wurde am 12. Mai 2016 von der Kulturministerkonferenz in einer Entwurfsfassung (1.0) freigegeben. Erfreulicherweise wurde das Papier Mitte Juni 2016 in einer pdf-Version zur Kommentierung ins Netz gestellt.
Der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) nimmt gern die Gelegenheit wahr, zu dem Papier Stellung zu nehmen.
Als Hintergrund sei erwähnt, dass die Weiterentwicklung des Volkshochschulangebots durch den Einsatz digitaler Formate und Instrumente im Volkshochschulbereich höchste Priorität besitzt. Die Entwicklungslinien sind in einem Strategiepapier „Erweiterte Lernwelten für Volkshochschulen in Deutschland“ beschrieben, mit dessen Umsetzung in diesem Jahr begonnen wurde. Auch der jüngst von Bundespräsident Joachim Gauck vor 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 40 Ländern eröffnete Deutsche Volkshochschultag widmete sich unter der Überschrift „Digitale Teilhabe für alle“ dem Thema der Digitalisierung (www.volkshochschultag.de www.blog.volkshochschule.de)

Gesamtstrategie des KMK-Entwurfs
Es ist sehr begrüßungswert, dass sich die Kultusministerkonferenz mit dem Strategiefeld Digitalisierung auseinandersetzt. Wir halten bei diesem Thema den Abstimmungsbedarf zwischen Bund und Ländern für besonders hoch.

Wir unterstützen, dass Digitalisierung als Gestaltungselement im Kontext umfassender gesellschaftlicher Veränderungsprozesse betrachtet und in den Kontext des Alltagslebens gestellt wird. Denn Bildung berührt unsere gesamte Lebenswelt.
Die Autor/innen des Papiers weisen zu Beginn zurecht darauf hin, dass „die Digitalisierung für den gesamten Bildungsbereich Herausforderung und Chance zugleich“ sei. Mit dieser Positionierung – und auch mit der Aussage, die mit der Digitalisierung verbundene Agenda als „Nationale Aufgabe“ zu fassen – wird die Bedeutung des Strategiepapiers angemessen bewertet.

Das Augenmerk der Strategie fällt auf drei Bildungsbereiche: die Schulen, die Hochschulen und die berufliche Bildung. Die Notwendigkeiten und Möglichkeiten von Digitalisierung sind für diese drei Bildungssäulen jeweils für sich formuliert.

Leider werden in dem Papier aber kaum Bezüge zum von Bund und Ländern gleichermaßen vertretenen Konzept des lebensbegleitenden Lernens hergestellt. Bezüglich des Erwachsenenlernens wird lediglich die Arbeitswelt bezogene Bildungsentwicklung beschrieben, Bildungsfelder, die auf Persönlichkeitsentwicklung oder kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe in allen Generationen zielen, werden hingegen vernachlässigt. Um im gesamten Bildungsbereich erfolgreiche Prozesse in Gang setzen zu können, halten wir es für unabdingbar, Beziehungen zwischen arbeitsweltbezogenen Fachinhalten und der Persönlichkeitsentwicklung/Allgemeinbildung herzustellen.
Eine Strategie, die von Schulen, Hochschulen und beruflichen Schulen Offenheit, Akzeptanz und die Entwicklung von Kompetenzen für digital unterstützte Bildungsprozesse einfordert und diese unterstützt, muss auch für die Allgemeine Weiterbildung und Erwachsenenbildung gelten.

Speziell die Volkshochschulen in Deutschland begleiten bereits seit den 1980er Jahren federführend die digitale Alphabetisierung in Deutschland (Stichwort „Computerkurse“). Und auch in der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit, in der Digitalisierung zunehmend alle Lebensbereiche umfasst, sind die Volkshochschulen maßgeblich an Innovationen beteiligt. So sind z.B. die Portale ich-will-lernen.de und ich-will-deutsch-lernen.de adaptive Lernsysteme, die sich bereits seit mehr als 10 Jahren in der Grundbildung und beim Sprachenerwerb bewährt haben. Volkshochschulen experimentieren in vorderster Linie mit neuen online gestützten Formaten – mit MOOCs, Inverted Classrooms, Virtuellen Klassenzimmern, Webinaren oder Barcamps – im Kontext von lernerzentrierten Pädagogikkonzepten. Und auch die Frage, welche Bedeutung Digitalisierung für die persönlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge hat, wird in der Programmatik von Volkshochschule und in verwandten Einrichtungen der Erwachsenenbildung ins Blickfeld genommen (digitale Identität, digitale Teilhabe).


Kompetenzen einer digitalisierten Kultur
Das KMK-Papier beschreibt Schlüsselkompetenzen, die für Schulen und in abstrakterer Form auch für die berufliche Bildung und für die Hochschulen gelten sollen:
Suchen und Verarbeiten, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren, Schützen, Problem lösen, Analysieren und Reflektieren. Diese Kompetenzen werden als Bausteine einer (neuen) vierten Kulturtechnik, dem „kompetenten Umgang mit digitalen Medien“ überschrieben. Diese Einordnung – obgleich sie sicherlich nicht auf einer Ebene mit Schreiben, Lesen und Rechnen stehen kann – markiert die eminente Bedeutung, welche die KMK der Beziehung des Menschen zu seiner digital gestalteten Lebenswelt beimisst.

Wir empfehlen, diese Kompetenzen in ein länderübergreifendes Konzept lebensbegleitenden Lernens einzubinden. Wir schlagen zudem vor, den Begriff „Vernetzungskompetenz“ prominent in den Vordergrund zu rücken. Vernetzung ist zwar bereits unter dem Punkt „Kooperation“ erwähnt, bleibt aber im Papier noch sehr im Ungefähren. Vernetzung beschreibt den wesentlichen Unterschied zwischen dem „alten“, analog geprägten Bildungssystem und dem „neuen“ digitalisierten. Während bislang der Modus des Lernens vor allem durch den Kommunikationsmodus „one to-many“ geprägt ist, ergibt sich nun die Chance – durch die Vernetzungen von Lernenden, Professionellen, Institutionen, Inhalten, Curricula und Methoden – Lernsettings zu gestalten, die den spezifischen Bedürfnissen und Veranlagungen der Lernenden stärker entgegenkommen als es bislang möglich war. Der Modus der Kommunikation ist dabei „many-to-many” (Peer-to-peer-Learning, Community-Learning, personalisiertes Lernen).

Zu hinterfragen ist, ob die im Papier auffällig starke Orientierung an „Fächern“ mittelfristig zielführend ist. Wir halten im Zuge der inhaltlichen und curricularen Vernetzung und angesichts der o.a. Forderung nach einer Problemlösungskompetenz eher eine fächerübergreifende Lernkultur für handlungsleitend.

Handlungsfelder
Die im Entwurf aufgeführten sechs Handlungsfelder
(1) Bildungspläne und Unterrichtsentwicklung, curriculare Entwicklungen,
(2) Aus-, Fort- und Weiterbildung von Erziehenden und Lehrenden,
(3) Infrastruktur und Ausstattung,
(4) Bildungsmedien, Content,
(5) E-Government, Schulverwaltungsprogramme, Bildungsmanagementsysteme,
(6) Rechtliche und funktionale Rahmenbedingungen
werden von uns sehr begrüßt.

Auch hier empfehlen wir einen länderübergreifenden Einbezug in ein System lebensbegleiten Lernens. Es wäre für die Volkshochschullandschaft in Deutschland mit derzeit gut 900 selbständigen Einrichtungen geradezu widersinnig, wenn einzelne Bundesländer dort eigenständige Konzepte entwickeln müssten, wo übergreifendes Handeln notwendig und sinnvoll ist. Eher sind kooperative Ansätze gefragt, die (bereits vorhandene) Ressourcen aus den Kommunen und Ländern und auch von Einzelakteuren zusammenführen und nutzbar machen. Ganz besonders unterstützen wir die Bemühungen, den Einsatz Open Educational Resources (OER) als Bildungsstandard zu implementieren. Der rechtliche Rahmen muss diesbezüglich klar und nachvollziehbar sein.

Empfehlung insgesamt
Für die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ plädiert der Deutsche Volkshochschul-Verband mit Nachdruck für eine Einbeziehung des Erwachsenenlernens und der Weiterbildung. Dabei sollen die zu entwickelnden Konzepte – auf der Grundlage eines ganzheitlichen Lernbegriffs – die berufliche, soziale, kulturelle und persönliche Kompetenzentwicklung fördern. Die Gesamtstrategie und die damit verbundenen Maßnahmen sollten vor dem Hintergrund einer offenen und partizipativen Systematik erfolgen, die es ermöglicht, die immens hohe Dynamik der Digitalisierung konzeptionell zu berücksichtigen.

Der DVV steht mit seiner Expertise der Kultusministerkonferenz gern zur Verfügung.

 

Bonn, 4. Juli 2016
gez. Dr. Christoph Köck, Verbandsdirektor Hessischer Volkshochschulverband

 

2 Gedanken zu “Digitale Bildung ohne Erwachsenenbildung?

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