Bildung für alle – Revolution oder Revolutiönchen

Bisher dachte ich, dass „Bildung für alle“ ein exklusiver Slogan der Volkshochschulen sei, aber nun haben ihn Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt auch für ihr Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ beansprucht. In dem Buch werden verschiedene Fallstudien dargestellt, in denen digitale Komponenten das Lernen deutlich verbessern sollen. Das Lernen wird ihrer Meinung nach demokratischer, individueller und effektiver. Als Durchbruch sehen die Autoren dabei die Massiv Open Online Courses (MOOC ), die in der ersten Phase abgefilmte Vorlesungen kostenfrei und ohne jede Beschränkung ins Netz stellten. Der weltweite Zugang stellt eine grundlegende Demokratisierung dar. Mittlerweile besuchen Millionen von Lernwilligen diese zahlreichen MOOCs. Diese digitale Bildung kann neue Lerngruppen erreichen. Entweder bestehen Bezüge zum Beruf oder zum Hobby. Neben den Studierenden können auch Schüler die Lerninhalte abrufen, aber auch Senioren schreiben sich zunehmend ein. Die Autoren sehen MOOCs in der heutigen Form nur als ersten Schritt. Es fehlen noch zwei wichtige Voraussetzungen.

https://www.flickr.com/photos/thopre/

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Allein der digitale Lernraum führt nicht automatisch zu einer optimierten Lernumgebung. Vor Ort müssten die Studierenden Lernbegleiter an die Seite gestellt werden. In der Volkshochschule haben wir dieses Format bereits mit dem ichMOOC erfolgreich getestet. Ein digitaler Kurs wurde von 35 Volkshochschulen vor Ort begleitet. MOOCs und Volkshochschulen habe ich in meinem Blog allesauszucker ausführlicher behandelt. Das Konzept der Lernbegleiter ruft selbstverständlich auch Kritik von Pädagogen hervor. Dr. Matthias Burchardt beschäftigt sich in einem SWR2 Beitrag mit dem Thema „selbstgesteuertes Lernen“. „ …selbstgesteuertes Lernen schickt den traditionellen Lehrer in Rente und setzt auf den Lernbegleiter und Coach. Der Schüler wird zum Manager seiner selbst, der eigenständig seine Lernfortschritte dokumentiert und evaluiert, der sich seine Unterrichtspakete selbst zusammenstellt. Funktioniert das? Ist das sinnvoll? Nein, sagt Dr. Matthias Burchardt, Bildungsforscher von der Universität Köln.

Lisa Rosa  vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, hat in einem Blogprojekt eindrucksvoll ihre Arbeit des individuellen Lernens vorgestellt.

Noch mehr Raum in der digitalen Bildungsrevolution nimmt allerdings die Individualisierung der Lerninhalte ein. Jeder Mensch ist einzigartig, doch die Curricula kennen kein Individuum. Für eine kleine Gruppe sind die Inhalte richtig, für andere zu schwer oder zu leicht. Das gilt es zu ändern. Als Paradebeispiel nennen die Autoren das Konzept des „new classroom“  In mittlerweile 28 Schulen werden für jeden Schüler individuelle Lernpläne angeboten – und das jeden Tag neu. Möglich sind individualisierte Lernpläne durch eine Auswertung aller Lerndaten. Die Software sammelt eine riesige Menge von Daten. Der daraus geschriebene Algorithmus erkennt, wann ein Schüler Probleme hat und welche Übung für den weiteren Lernfortschritt sinnvoll wäre. Fritz Breithaupt hat in der ZEIT unter der Überschrift „Ein Lehrer für mich allein“  das Szenario recht anschaulich aufgegriffen.

Natürlich gehen die Autoren auch auf unsere Ängste zum Datenschutz ein. Alle meine persönlichen Bildungsdaten abrufbar in einer Bildungsschufa? Da läuft vielen schon der kalte Schauer über den Rücken. In einem begleitenden Beitrag im Blog „Digitalisierung der Bildung“ formulieren die Autoren Dräger/Müller-Eiselt dazu vier Forderungen:

  1. Wir müssen einen offenen und ehrlichen Dialog über den Umgang mit Daten und Datenschutz in der Bildung führen.
  2. Wir brauchen verbindliche Regeln. Der Gesetzgeber ist gefordert …
  3. Wir brauchen mehr Datensouveränität
  4. Wir brauchen ein Bekenntnis aller Beteiligten, Daten nicht zu missbrauchen.

Offen und ehrlich klingt beim ersten Lesen etwas naiv. Aber zur Entschuldigung muss ich sagen, ich kenne niemanden, der hier entsprechende mehrheitsfähige Konzepte vorlegen kann. Die Autoren empfehlen, in diesen Prozess kritisch einzusteigen und entsprechende Konsequenzen in der Debatte einzufordern.

MOOCs haben wir in Volkshochschulen bereits umgesetzt. Auch für Volkshochschulen tun sich hier neue Spielräume auf: Überregionale Bildungsangebote oder Themen, die vor Ort nicht ausreichend Interessierte finden, oder die Einbindung von immobilen Menschen – vieles ließe sich hier umsetzen.

Wenn wir das Szenario der Autoren weiterdenken und annehmen, dass in Zukunft Menschen eine individuelle digitale „Bildungskarte“ besitzen, auf der die Lernbiographie aus Schule und Hochschule verzeichnet ist, könnte sich die VHS aus diesem System ausklinken? Wäre eine Weiterbildung in der VHS dann die Leerstelle in der Datendatei? Wird es zukünftig noch Zertifikate von Bildungseinrichtungen geben oder wird der Algorhitmus das Zertifikat schreiben? Wird lebenslanges Lernen durch die „Bildungskarte“ der standardisierte Nachweis?

Werden wir die digitale Akte von Teilnehmenden in unseren Sprachkursen nutzen? Oder braucht es VHS dann lediglich als Lernbegleitraum vor Ort. Werden alle wesentlichen Inhalte lediglich zentral eingespielt?

Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion für Ihre Ideen!

Joachim Sucker

 


Weitere Links:

Interview mit Jörg Dräger zum Buch „digitale Bildungsrevolution (65 min.)

 

9 Gedanken zu “Bildung für alle – Revolution oder Revolutiönchen

  1. Hallo Martin,
    die Bildungskarte ist die logische Konsequenz aus der Big-Data-Diskussion. Die Gesundheitskarte ist hier zwar kein gutes Beispiel, aber die Richtung ist vorgegeben. Es geht in der Bildung und im Nachweis über die Lernbiographie um die Übergänge zwischen Bildungsumgebung, Kindergarten, Schule, Hochschule, Beruf- und Erwachsenenbildung. Wenn ich in der Schule im virtuell Classroom lerne, werde ich es in der Hochschule auch wollen. Die individuellen Lernumgebungen, einmal antrainiert, werden die Lernenden kaum mehr aufgeben wollen. Diese Systeme sind nicht isoliert zu denken. Bisher übergeben die Systeme die Lernenden durch Standardisierung in die nächsthöhere Stufe. Auch die VHSen haben durch den „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen“ (GER) die Möglichkeit, Englischlernende eine Anschlussmöglichkeit in vielen europäischen Ländern zu ermöglichen.

    Zur Optimierung von Personalentwicklung und Personalrecruting werden die Unternehmen den Nachweis der Bildungsbiographie erwarten. Und die Lernenden sind dann auf diesen Lernausweis angewiesen, auch im eigenen Interesse des optimierten Lernens. Wenn der öffentlichen Hand ein System der individuellen Förderung möglich ist, so werden auch hier Förderstrukturen neu angepasst. Erste Versuche mit dem Bildungsgutschein gibt es ja schon. Wenn ich an Revolution denke, dann beginnt sie hier.

    Noch wird nicht über diese Konsequenz gesprochen, aber Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt zeigen in ihrem Buch die Grundlagen dieser möglichen Entwicklung auf.

    Bange um VHS ist mir dabei trotzdem nicht.

  2. die bildungskarte wäre ja für eine ganz neu gedachte VHS gut. sie wäre dann nicht mehr notnagel für die verzweifelten plus nice2have-freizeitkurse, sondern ein angebot unter vielen.

    die bildungskarte wäre ja zweierlei:

    – das portfolio, meine lerngeschichte, die ich mitnehme. (so wie meine krankheitsgeschichte und meine medikamenten-einnahmen.) von da aus kann ich in jeder neuen situation (z.b. arbeitgeber, so wie bei einem neuen arzt) entscheiden, welche ausschnitte dieser geschichte ich zeigen will.

    – der bildungsgutschein, der jetzt nicht mehr nur für soziale notfälle gilt, sondern für alle. der neoliberale guru milton friedman hat das schon in den 1960ern gefordert, und 2000 ausdrücklich mit der digitalisierung in zusammenhang gebracht. er wollte, das das „Recht auf Bildung“ in ein budget übersetzt wird, das ich einsetzen kann, wie ich will. dahinter steckt natürlich der wunsch nach wettbewerb und privatisierung: so entstünde ein riesenhafter neuer markt (siehe TTIP).

    nun hat aber auch ivan illich solche bildungsgutscheine ins gespräch gebracht, und der war politisch so ungefähr der gegenpol. man kann sich das als eine art punktekarte vorstellen, die ich bei anbietern einlösen kann. dann wäre die wichtigste frage, wer als anbieter auftreten darf.

    auch bei der bildungskarte (als datenspeicher) gibt es 2 möglichkeiten: entweder wird das zentral verwaltet, d.h. die daten „gehören“ der bürokratie oder gar bildungsanbietern (z.b. auch einer universität, oder künftig auch der vhs). oder ich habe das recht, meine eigenen daten zu verwalten, d.h. sie liegen dann nicht bei einer behörde. es gibt dann nur eine art cloud-sicherung, um bei verlust usw. die daten ersetzen zu können, aber diese cloud-daten wären nur anonymisiert statistisch nutzbar, niemals individuell. und konkret benutzbar sind sie nur in verbindung mit der individuellen karte, also mit meiner autorisierung.

  3. Ich habe persönlich noch nicht genug Zeit gehabt, mich mit der Technologie der Blockchain so intensiv zu beschäftigen, dass ich sie ganz verstehe oder gar schon Chancen und Risiken absehen könnte, fand aber den Ansatz in diesem Beitrag sehr spannend, sie für genau das zu nutzen, wovon hier die Rede ist: für eine Art Lernkarte oder Bildungskarte.
    http://hackeducation.com/2016/04/07/blockchain-education-guide
    „Your profile displays all the Edublocks you’ve earned“ – heißt es hier. Und das wäre auch eine Antwort auf die Frage, die Martin aufwirft?

  4. Na klar: Wenn wir das Lernen mit Daten der eigenen Lernbiografie verbessern wollen, dann müssen wir – ebenso wie in allen anderen Zusammenhängen – darüber nachdenken, wem diese Daten gehören, wie wir sie organisieren, wie wir den Zugriff darauf regeln. Ich finde den Begriff der Bildungs“karte“ etwas unglücklich, vor allem weil die beispielgebende Gesundheitskarte ja (abgesehen von ihrer Nutzung für Notfalldaten) nur eine Krücke darstellt für die noch fehlende Patientenakte, die unique ID und ein brauchbares Identifikationstool. Und bei der Patientenakte, dem Bürgerkonto oder einem solchen Konstrukt für die Bildungsbiografie kommt es ja auch auf die selben Fragen an: Welche Daten werden gespeichert und wer erlaubt wem welchen Zugriff. Die Esten haben das – für Bürgerkonto und Patientenakte – schön gelöst: Nur mit der Erlaubnis des Besitzers der Daten darf darauf zugegriffen werden, und es gibt ein Logbuch der Zugriffe, damit unerlaubte Zugriffe aufgedeckt werden können. Weitergehende Fragestellungen betreffen dann die Nutzung entpersonalisierter „Big Data“ des Lernens zu Zwecken der Verbesserung von Lernprozessen und -gegenständen und zu Zwecken der Lern- und der Bildungsforschung.

  5. Hinter den Ideen der Buchautoren scheint mir immer der Optimierungsgedanke zu stehen, wenn sie formulieren, dass „digitale Komponenten das Lernen deutlich verbessern sollen“, oder dass „das Lernen […] ihrer Meinung nach demokratischer, individueller und effektiver [wird]“. Mit dem Optimierungsgedanken kommt das ahistorische Verständnis zum Ausdruck, dass die Inhalte und Ergebnisse des Lernens, sowie die Art und Weise, wie gelernt wird, sich nicht ändern, sondern dieselben bleiben, die sie – so wird wohl stillschweigend angenommen – immer schon gewesen sind und immer bleiben werden. Nur die Instrumente und Methoden werden/sollen sich verändern, um schneller und besser zum je gleichen Ziel zu kommen.

    1. Revolution ist nicht gleich Optimierung. Und: Technizistischer Reduktionismus.

    Ich bezweifle, dass unter den die gesamte Kultur/Gesellschaft umwälzenden Bedingungen der Digitalität bloß Verbesserungen des Bestehenden (demokratischER, individuellER, effektivER) stattfinden. (Was wäre denn daran auch revolutionär? ) Passend zu den tatsächlich in Gang gesetzten radikal die Gesellschaft verwandelnden Prozessen durch das neue Leitmedium kann und muss man sich schon rein begründungslogisch im Bereich des Lernens – immerhin der Operationsmodus des neuen und völlig neu zu definierenden Produktionsfaktors „Wissen“! – eine ebenso radikale Neudenke der Bildung für diese neue Gesellschaftlichkeit vorstellen. Ich behaupte, dass sich das Lernen selbst, also in seinen Formen, Inhalten und Zielen verändert. Die sogenannten 4 K – Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation – sind, wenn man sie ernst nimmt und nicht nur bedeutungslosen lip service damit veranstaltet, tatsächlich NEUE LERNZIELE. Nur mal als Beispiel: Kritisches Denken ist nicht, dass man einen Wikipedia-Artikel skeptisch beurteilt und lieber anstatt oder noch zusätzlich einen anerkannten Professor aus einem gedruckten Buch (also eine „alte Autorität“) konsultiert. Kritisch Denken bedeutet, dass man die Positionen (Ergebnis) und den Argumentationsgang (Prozess) einer Quelle – sei sie gedruckt oder digital, von einem Prof. Dr. oder von einem titellosen unbekannten Autor – selbst verstehen, mit eigenem bzw. neu zu entdeckendem Fakten- und prozeduralen Wissen abgleichen und beurteilen kann, also sagen kann, inwiefern und an welcher Stelle sie überzeugend sind, und inwiefern, an welcher Stelle und aus welchen Gründen ihr widersprochen werden kann oder sogar muss. Also einen etablierten Begründungszusammenhang begründet infrage stellen zu können. Und dann: Zum Widerspruch gehört auch Wollen. Diese ganze anstrengende Veranstaltung hat keinen „Wert in sich selbst“, sondern ist gebunden an eine tief empfundene Sinnhaftigkeit im im veranstaltenden Subjekt. Kritik ist Kritik an Ideen, Prozeduren, Vorschriften, Strukturen, Verhältnissen. Nicht nur als Übung auf dem Papier gelernte Prozeduren an einem verordneten Gegenstand aus dem Deutschkanon auf Anfrage anwenden, sondern im Echtleben, und nach eigenem Entschluss. Was nutzt all das „Denken gelernt“ an der euklidischen Mathematik, wenn außerhalb dieses Gegenstandsbereichs kein logisches, abstraktionsgewohntes, kohärentes Denken in Begründungszusammenhängen funktioniert, weil man dieses Denken ausschließlich in Gang setzen kann, wenn es sich um ein Problem der euklidischen Mathematik handelt und man in anderen Zusammenhängen wegen fehlender Übung dem sozial (über- und fehl-)angepassten, group thinking gesteuerten Verhalten ausgeliefert ist? Wenn Kollaboration (Teamarbeit, Kooperation u.ä.) von oben – egal ob vom Lehrer oder von einem Algorithmus – angesagt ist, dann kann nicht Kritik sein, denn das widerspricht schon allein den Höflichkeitsregeln. (Von der Nichtkritisierbarkeit von Autoritäten wie Lehrern, Druckwerken, Professorentiteln und Amtsträgern mal gar nicht zu reden.) Vielleicht sieht man an dieser Stelle schon, warum diese 4K – die nicht nur mit Können (also Fähigkeiten), sondern ebenso auch mit Dürfen und Wollen zu tun haben (deswegen heißen sie Kompetenzen) – nicht durch die technizistisch reduzierte Auffassung von der durch diese Technik ausgelösten gesellschaftlichen Revolution zu begreifen ist. Selbstverständlich werden wir auch – sicher dem Wissenschaftsbetrieb nachgeordnet – im allg. Bildungswesen die Arbeit/das Lernen in Spezialgebieten und Fächern überwinden müssen zugunsten eines Problem- bzw. Projektbezogenen Forschens/Lernens. Klar brauchen wir dazu Computer und Internet – aber v.a. für die Persönlichen Lernnetzwerke und für die Vernetzungen von Teams.

    2. Individualität und Kollaborativität

    „Noch mehr Raum in der digitalen Bildungsrevolution nimmt allerdings die Individualisierung der Lerninhalte ein. Jeder Mensch ist einzigartig, doch die Curricula kennen kein Individuum. Für eine kleine Gruppe sind die Inhalte richtig, für andere zu schwer oder zu leicht.“ Was jetzt: Gruppierung oder Individuum?
    Schwer, Mittel, Leicht – das waren Kategorien der sogenannten Binnendifferenzierung, die übrigens genau die Hauptschule, Realschule, Gymnasium – Einteilung abbilden. Was ist an einer Dreiteilung der Menschheit individuell? Das ist noch weniger nützlich als die Vorstellung der Astrologen. (Die haben immerhin mindestens 12 verschiedene.)
    So einen „Lern-Algorithmus“, der statt des Lehrers meine Übungsaufgabenlösungen prüft und anhand der Fehler/des Fehlens von Fehlern neue vorlegt, halte ich nicht mal für ein Übergangsstadium für wert. Er funktioniert ja eh nur bei Fragen, die richtig/falsch gelöst sein können. Davon gibt es immer weniger.
    Was genau heißt individuell, und wie kann man damit in Gruppen so umgehen, dass sowohl das Individuelle, als auch das Kollektive (Kollaborative) an der jeweils passenden Stelle zur Geltung kommt? „Jede Jeck is anders“, lautet ein Satz im kölsche Jrundjesetz. Und neben individuell unterschiedlichen Geschwindigkeiten in allen möglichen Bewegungen, sind vor allem Motive und Sinn (didaktisch auch gerne „Zugänge“ genannt) bei jedem andere. Also keine mechanisch-quantitative sondern eine inhaltlich-qualitative Bestimmung von individuell. Und weil wir die möglicherweise 30 verschiedenen „Zugänge“ in einer Schulklasse mit 30 Kindern zu einem Lerngegenstand nicht kennen können, müssen wir so viele wie möglich als Gelegenheiten in einem weiten Möglichkeitsraum offerieren. Manche gut funktionierenden Lern- Motive sind so speziell, dass wir niemals darauf gekommen wären, wenn sie nicht zufällig explizit geworden wären. Und: Motive sind volatil. Sie ändern sich mit dem Lernprozess. Wir müssen also eine Lernumwelt schaffen, die möglichst viele uns noch unbekannter Möglichkeiten enthält. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht auch und zuerst die uns bekannten Motiv-Möglichkeiten mit organisieren. Und ebenso wenig algorithmisch zu steuern: Selbst bei älteren Schülern und bei Erwachsenen spielt die Persönlichkeit des Lehrers eine große Rolle vor allem für Motivation, Engagement, Zuversichtlichkeit und Ausdauer der Lernenden. Und je konkreter und genauer fixierte Ergebnisse erwartet werden, desto weniger Motive können einen Rolle spielen und auch: desto weniger Kreativität und neue Lösungen – eigene Lösungen der Lernenden – sind möglich. Rückriem: „Es geht nicht darum, dass die Schüler eine bereits feststehende Lösung in individuellem Tempo ‚entdecken‘ – es geht darum, dass sie IHRE Lösung finden.“ Und ich möchte ergänzen: Heute geht es darum, dass die Leute lernen, ihre eigenen Problemdefinitionen zu finden. Denn , so Bobrow: „Coding is not the problem, understanding the problem is the problem.“
    Und noch interessant: Die mechanistisch verkürzte Vorstellung von Individualität als schnell oder langsam, korrespondiert mit der Unfähigkeit, die Einmaligkeit eines Bündels von Motiven, Wünschen, Bedeutungen, Sinnen … eines Individuums in einer Gruppenaktivität (also in kollektiv-Zusammenhang) sich entfaltend denken zu können. Statt eines Peer-Learning-Zusammenhangs im Gespräch, können sich die Technizisten nur vorstellen, dass Individuell zugleich „allein mit dem Algorithmus“ bedeutet. Im Gegensatz dazu finde ich die Vorstellung, dass das widersprüchliche Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft sich in jeder Epoche der Kultur-Entwicklung auf neue Weise formiert, (hat schon Marx gewusst), als Einsicht nachgerade revolutionär. Lernen ist messy. Es braucht Inkubationszeiten (gaaanz unbeliebt bei Testern und bei Effizienz-Verliebten), es braucht Sackgassen, es braucht Zufälle, organisierte ebenso wie zufällige. Netz eben.

    • … und es braucht auch häufig die Möglichkeit des individuellen Scheiterns, der Perturbation und der Irritation. Auch das darf bei den Freunden und Verfechtern der vollständigen Kontrolle und Vorhersagbarkeit von Lehr- und Lernprozessen ja irgendwie nicht mehr sein.

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