Kann ihr Fahrlehrer Auto fahren?

:: Warum es für VHS Mitarbeiter*innen wichtig ist, bei Facebook* zu sein ::

„Facebook? Nein, da bin ich nicht. Ich interessiere mich nicht für die Spaghetti anderer Leute. Außerdem sind soziale Netzwerke Zeitfresser und Zeitverschwendung. Ich hab Besseres zu tun.“

Das höre ich sehr oft – immer noch. Auch von Kolleg*innen in Volkshochschulen. Dabei sind das Chancen. Oder eben verpasste Chancen. Besonders für Volkshochschule.

Meiner Meinung nach auch verpasste persönlichen Chancen:

  • Die Chance, locker in Kontakt zu bleiben ohne viel Aufwand (ja, trotz der Gefahr der Oberflächlichkeit)
  • Die Chance an einem Ort seine Informationsquellen zusammenlaufen zu lassen (ja, trotz der Gefahr der eingeschränkten Sicht durch die Filterblase: jede*r Fünfte nutzt Facebook als Nachrichtenquelle)
  • Die Chance auf Vernetzung – viel Unerwartetes entsteht durch Vernetzung (ja, trotz der Gefahr sich zu verstricken)

Aber viel Wichtiger an dieser Stelle ist für mich die Chance für uns als Expert*innen für Lebenslanges Lernen. Die Chance, digitale Grundbildung als Auftrag bei Volkshochschulen zu verankern. Und dabei glaubwürdig und verlässlich zu sein.

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Wir sind auf dem Weg in eine Zukunft, in der das digitale Ich so wichtig werden wird, wie die feste Adresse es heute ist. Ohne das digitale Abbild wird es keinen Job geben, wird es schwer sein, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Wobei es dann nicht mehr „digitales Ich“ heißen wird, sondern nur noch „Ich“. Denn eigentlich unterscheiden nur noch die Digital-Skeptiker zwischen digital und analog. Viele andere sehen hier nicht zwei Seiten, keine Dualität, sondern eine Einheit: die Realität. Und soziale Netzwerke werden ein großen Anteil daran haben.

Gerne werden noch die Begriffe der „digital natives“ und der „digital tourists“ verwendet. Also diejenigen, die in die digitale Welt hineingeboren sind und diejenigen, die dort fremd und nur zu Besuch sind. Obwohl mir diese Unterteilung widerstrebt, zeigt diese Wortwahl anschaulich, dass wir länger in das Digitale eintauchen müssen, um es zu verstehen.

Jede gesellschaftlich vergemeinschaftete Realität setzt bestimmte Verhaltensmuster und einen gelernten Kodex voraus. Es gibt Verhaltensformen, die nicht aus einem Lehrwerk erlernt werden können, sondern angeeignet werden durch das Teilsein, Beobachten und Sichausprobieren. Komme ich in ein fremdes Land, kann ich mir vorher Wissen über das Land anlesen, aber wie ich dort mit den Menschen umgehe und reagiere, mich verhalte, über die Straße gehe, mich schütze, kann ich nur vor Ort lernen und üben. Denn Wissen ist nicht gleich Können. Genauso ist es auch im Internet und besonders in den sozialen Netzwerken.

Muss ich in ein fremdes Land umziehen und brauche Hilfe im Zurechtfinden – und früher oder später werden wir alle nach Digitalien reisen müssen -, würde ich eher einem Theoretiker vertrauen, der das Land aus Büchern kennt, oder einem Tourguide, der schon lange vor Ort lebt? Volkshochschule hat die Chance, ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Tourguide zu sein. Allerdings müssen wir uns erst vertraut machen mit Digitalien, und zwar vor Ort.

Wir als Volkshochschulen haben beste Voraussetzungen, um ein ernstgenommener Tourguide zu sein in Sachen „Wie gestalte ich mein digitales Ich?“. Das Image von Volkshochschule mag zwar noch ein wenig verstaubt sein, aber kritisches Hinterfragen traut man uns eher zu als euphorisches Hinterherlaufen bei Modeerscheinungen. Politische Grundbildung ist ein Teil unseres öffentlichen Auftrags und Grundbildung allgemein macht eine der Grundfesten von Volkshochschule aus. Aber – um noch eine andere Metapher zu verwenden – wenn wir anderen das Autofahren beibringen wollen, müssen wir erstmal zeigen, dass wir selber Auto fahren können – und nicht nur wissen, welche Farbe das Auto hat, und dass damit Unfälle passieren können.

Haben Sie ein Facebook* Profil? Warum? Oder warum nicht?

*Facebook steht hier der Einfachheit halber für egal welches soziales Netzwerk. Ähnlich wie google inzwischen das Synonym für Suchmaschine geworden ist.

9 Gedanken zu “Kann ihr Fahrlehrer Auto fahren?

  1. Vollkommen richtig! Schon kleine Schritte helfen. Wir müssen soviel wie möglich Kolleginnen und Kollegen mitnehmen.

    • Liebe Kollegin, zuerst müssen die KollegInnen ja offen sein für Neues ?

      Ansonsten gilt: das Netz ist demokratisch, noch nie war es so einfach, sich zu allem und jedem zu informieren. Das gilt natürlich auch umgekehrt: Wenn es so einfach ist, müssten/könnten/sollten es eigentlich viel mehr auch tun, oder?

  2. Ich betrachte mich (obwohl schon 54) durchaus als „Digital Native“ – immerhin habe ich schon (1991 mit 2,4 kBit/s) im Usenet (gibt’s übrigens noch!) und in FIDONet (R.I.P.) diskutiert, als die heutigen „Natives“ nur feuchte Träume waren 🙂
    Alles mitmachen muss man trotzdem nicht…

    Ein Facebook-Profil habe ich nicht (bzw. es gibt da evtl. einen ungenutzten Account).
    Irgendwie fand ich das nicht intuitiv, da mein Sohn schon angekündigt hatte, Freundschaftsanfragen von mir abzulehnen 🙂 und mein Freundeskreis eher wenig netzaffin ist, war ich auch wenig motiviert.
    Vermutlich auch ein typisch deutsches Vorurteil gegen die „Datenkrake“.

    Da aber auch andere Netzwerke zählen: Google+ nutze ich recht intensiv, ursprünglich vorwiegend im vhs-Umfeld, aber inzwischen haben sich meine Kreise erweitert.
    Sich vor Google verstecken zu wollen, wenn man diverse Android-Geräte nutzt, wäre eh sinnlos … 🙂 Die Datenschutzeinstellungen von Google sind immerhin VIEL transprenter, als die von Facebook.

    Und ein Leben ohne WhatsAppp ist schwer vorstellbar… während ich den Sinn von Twitter in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr verstehen werde (da noch eher SnapChat, das angeblich keiner über 30 kapiert).

    Ich werde auch eine gewisse Abneigung gegen die Kommerzialisierung des (Sozialen) Netzes nicht los, kann mich nostalgisch an ein kommerzfreies Netz erinnern – und auch an die Geburt des Spams und den Aufruhr wegen
    https://en.wikipedia.org/wiki/Laurence_Canter_and_Martha_Siegel
    … irgendwie assoziere ich das alles (ohne es begründen zu können) mehr mit Facebook als mit Google, das ich damals verglichen mit Altavista und Yahoo angenehm nüchtern fand, da wirkte die – klar markierte – Werbung mehr als Mittel zum Zweck und nicht als eigentliches Ziel…

    • Was Axel Gutmann schreibt, ist alles sehr einleuchtend. Man sollte aber auf jeden Fall die private von der beruflichen Nutzung unterscheiden. Und Facebook ist für die berufliche Nutzung der Volkshochschulen inzwischen Standard. In der vhs Karlsruhe arbeiten wir schon seit langem damit.

  3. Facebook könnte möglicherweise ja auch als Lernplattform in Volkshochschulen angewendet werden. In Schulen und Hochschulen wird das teilweise schon erfolgreich praktiziert. Hat natürlich nicht alle Funktionen wie moodle oder Ilias, aber Kursteilnehmer-/innnen könnten sich in geschlossenen Gruppen miteinander vernetzen und kommunizieren. Lernmaterialien können in Form von Dateien, Fotos Videos oder Links zu anderen Seiten hochgeladen werden. vhs-Mitarbeiter/innen, Dozenten-/innen und Teilnehmende brauchen keine Einweisung, weil die Handhabung größtenteils schon bekannt ist, zumindest bei denen, die einen Account haben. Ausserdem und es ist natürlich äußerst kostengünstig.

    • Und: Die Kommentarusability ist bei Facebook um einiges lernfreundlicher als bei vielen Foren. In Moodle ist es doch sehr linear aufgebaut. Deswegen haben wir beim ichMOOC zusätzlich (als Experimentierfeld) den Facebook Salon angeboten. Denn die Vernetzungsbequemlichkeiten sind oftmals wichtiger als die technischen Funktionalitäten im Dokumentenmanagement.

  4. Auch wenn ich nur ehrenamtlich eine Volkshochschule leite, ich nutze Facebook schon lange für die VHS und auch privat.
    Vor allem erreiche ich sehr viele junge Kursteilnehmer sehr gut über Facebook, mehr als über Plakate oder auch über das Halbjahresprogramm.

  5. Die typischen Bemerkungen der vorsichtig formuliert “ eher weniger netzaffinen KollegInnen“ kenne ich allesamt. Ich sehe das mittlerweile so: als in den 80er Jahren die Computer eingeführt wurden, gab es auch einige, die diese Technik rundweg ablehnten. Die Argumente reichten von „verstehe ich nicht“ bis hin zu moralischen Vorbehalten. Heute gibt es dazu keine Diskussionen mehr, Computer werden genutzt und flächendeckend eingesetzt. Nehmen wir einmal an, ich hätte mich bis heute strikt geweigert, den Umgang damit zu erlernen. Wo würde ich dann heute arbeiten können? Und vor allem was? Wie käme ich vielerorts auf dem Bahnhof klar? Viele Produkte könnte ich mir nicht kaufen, viele Dienstleistungen nicht nutzen, weil nur über das Internet angeboten und nur per Computer zu bestellen. Eine ganz ähnliche Entwicklung könnten die Systeme rund um Social Media nehmen.
    Ich fürchte, wer heute noch glaubt, sich damit nicht auskennen zu müssen, sitzt morgen ratlos vor einem leeren Kühlschrank, weil er nicht verstanden hat, dass der auf eine WhatsApp mit der Bestellung wartet.

    • Wir immer spitzt Beatrice Winkler bei Ihrer Argumentation etwas zu. Das lieben wir an ihr. Verhungern wird aber keine und keiner, die oder der sich den Sozial Media verweigert. Aber Beatrice Winkler hat sicher recht damit, wenn Sie behauptet, dass wir noch lange nicht wissen und kaum erahnen können, welchen Weg die digitale Welt noch einschlagen wird. Die Volkshochschulen sollten zeigen, dass sie mit im Rennen sind. Und sie kommen gewiss nicht als Letzte an. Viele haben sich bereits auf den Weg gemacht und motivieren andere mitzumachen. Wer hätte denn vor einigen Jahren gedacht, dass der Deutsche Volkshochschultag 2016 unter dem Motto digitale Welten und Erweiterte Lernwelten stehen wird? Also optimistisch und am Ball bleiben!

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