Die Macht der Plattformen

Gastbeitrag von Philippe Wampfler
Philippe Wampfler ist Lehrer, SocialMedia-Experte und Blogger.
Auf Twitter folgen ihm über 6.300 Menschen, viele davon aus dem Bildungsbereich. Er wird zu den 20 erfolgreichsten Influencern der Schweiz gezählt.
Wampfler ist vermutlich der produktivste und einflussreichste Lehrer im deutschsprachigen Raum, wenn es um grundsätzliche Überlegungen zu Bildung in Zeiten des digitalen Wandels geht.“ – Jöran Muuß-Merholz: Hauptsache Schreiben!, in: Indiividuell fördern mit digitalen Medien, Bertelsmann Stiftung 2015

In vielen Beiträge beschreibt er die Wirkung von Social-Media-Kanälen und technischen Tools auf Schüler*innen. Dies läßt sich auch auf die Erwachsenenbildung übertragen.


 

Philippe Wampfler (http://philippe-wampfler.ch)

Philippe Wampfler
(http://philippe-wampfler.ch)

Bildung im Netz scheint ohne Plattformen nicht denkbar zu sein. Plattformen erscheinen dabei zunächst neutral: Um Inhalte verbreiten und bearbeiten zu können, braucht es halt Schnittstellen, Werkzeuge und Speicherplatz. Anders ausgedrückt: Eine Plattform. Zur Verdeutlichung seien zwei Beispiele erwähnt: Moodle und edX.

Moodle ist eine umfassende Lösung zur Abwicklung von Online-Kursen. Die Plattform ist quelloffen und modular erweiterbar: Soll in einem Schreibkurs etwa Peer-Feedback erfolgen, so kann ein Plugin installiert werden, mit dem ein Moodle-Kurs diesen Prozess abbilden und abwickeln kann. Moodle wird von vielen Bildungsinstitutionen eingesetzt, von der Grund- bis zur Hochschule (auch von vielen Volkshochschulen, Anmerkung der Redaktion). Es ist leicht auf die Bedürfnisse einer Organisation anpassbar. Zudem ist die Plattform geschlossen: Was sich darin abspielt, steht nicht direkt im Netz, sondern bleibt intern.

edX ist aus einer Kollaboration amerikanischer Top-Universitäten entstanden. Die Plattform erlaubt es Hochschulen, MOOCs zu erstellen, zu verbreiten und zu monetarisieren, indem sie Zertifikate verkaufen. Ein erfolgreicher Kurs wie die Informatikeinführung #cs50 von Harvard kann so von jedem Computer aus absolviert werden. Stützt sich dieser Kurs zwar auf eine Materialsammlung, die bei edX hinterlegt ist, so regt er Lernende aber auch an, sich auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter auszutauschen und Lerngruppen zu bilden.

Was ist nun die Bedeutung solcher Plattformen für die Bildung? In einem ersten Schritt muss ihr Verhältnis zu Bildungsinstitutionen verstanden werden. Plattformen sind grundsätzlich von Institutionen unabhängig. Sie ermöglichen aufgrund klarer Standards und einheitlichen Schnittstellen den dezentralen Aufbau von Netzwerken. Moodle und eine offene Version von edX (Open edX) können frei auf Servern installiert und betrieben werden. Auch in Plattformen wie Evernote, Google Drive, OneNote oder Facebook lassen sich problemlos Bildungsinhalte verbreiten und Lernprozesse managen – ohne jede Anbindung an Institutionen.

Der daraus entstehende Effekt ist paradox: Einerseits erhöht sich die Freiheit von Lernenden und Lehrenden, weil sie nicht einer institutionellen Selektion unterworfen sind. »Designed for concentrators and non-concentrators alike, with or without prior programming experience«, heißt es beispielsweise in der Einführung zu #cs50 – mitmachen können alle, die bereit sind, die Abschlussprobleme zu lösen. Die hohen Hürden von Harvard (5% der Bewerberinnen und Bewerber werden aufgenommen) gelten auf der Plattform nicht. Andererseits erheben die Plattformen aber eine breite Palette von Daten bei der Durchführung von Lernprozessen. Die gläsernen Lernenden scheinen eine Notwendigkeit, um Lernprozesse effektiver zu gestalten.

Dabei werden aber subtile Strategien der Manipulation eingesetzt, die man »nudging« nennt. Der Freiheitsgewinn hat einen Preis. Plattformen verteilen Macht anders: Sie geben vor, Konsumierende zu Prosumierenden zu machen, ihnen also die Möglichkeit zu geben, aktiv zu sein. Gerade darin sehen Intellektuelle wie Evgeny Morozov oder Byung-Chul Han aber ein entscheidendes Problem: Die Macht verführe, indem sie ihre Wirkungsweise verstecke.

Setzen Institutionen Plattformen wie Moodle für die interne Abwicklung von digitalem Lernen und solche wie edX für die Öffnung ihrer Angebote nach außen ein, so werden sie aber in ihrer Bedeutung durch die Plattformen abgelöst. Ähnlich wie starke Medienmarken vermögen prestigeträchtige Bildungsinstitutionen Plattformen mit ihren Anliegen zu verbinden. Viele andere stellen die Arbeitskraft ihrer Mitarbeitenden in den Dienst der Plattformen, ohne dafür entschädigt zu werden.

Jugendliche sind aufgrund ihrer Mediennutzung an Plattformen gewöhnt: Sie erleben gamifizierte geschlossene Systeme als eine Normalität. Ihre Macht ist für sie deshalb häufig unsichtbar, weil sie mit einem Gewinn an Status, Aufmerksamkeit oder Bequemlichkeit verbunden ist und ihnen so verkauft wird.

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Seriöse Anbieter von Bildungsangeboten sollten diese Mechanismen nicht kopieren, sondern Standards für Lernplattformen entwickeln. Steht in der öffentlichen Diskussion häufig der Datenschutz im Vordergrund, so verhindert das oft die notwendige Öffnung in drei Richtungen:

  1. Bildungsinhalte, die von der Öffentlichkeit finanziert sind, dürfen nicht durch technische Maßnahmen dem Zugriff dieser Öffentlichkeit entzogen werden. Lehrbücher, Skripte, Arbeitsblätte, Forschungsresultate müssen dem Prinzip des Open Access unterstehen.
  2. Lernprozesse müssen mit Kommunikationsmitteln verschränkt werden. Soziale Netzwerke sind oft Fugen, die Jugendliche einsetzen, um sich über verstreute Ressourcen austauschen zu können. Schotten sich Plattformen gegenüber diesen Möglichkeiten ab (indem sie z.B. Links verhindern oder einschränken), so entziehen sie sich aus wesentlichen Vernetzungsprozessen.
  3. Lernende haben ein Anrecht auf Bildungsinhalte. Plattformen müssen den Export von Content sehr einfach machen – wer nicht mit im Rahmen dieser Plattformen lernen will, kann diese Freiheit in Anspruch nehmen und darf nicht das verlieren, was beim Lernen entstanden ist. Bietet eine Schule also Moodle an, so muss sie den Austretenden einen Downloadcode oder einen Memory-Stick mitgeben, damit sie weiterlernen können – ganz ähnlich, wie das bei Schulheften schon immer der Fall ist.

Indem Plattformen kollaboratives Lernen im Netz erleichtern, Prozesse individualisierbar machen und einer Masse den Zugang zu Bildungsressourcen ermöglichen, scheinen sie ein großer Fortschritt zu sein. Kritik daran ist aber wichtig: Der Umbruch wird immer von starken finanziellen Interessen getrieben. Am Kampf um Bildungsressourcen sind auch gewinnorientierte Player beteiligt, die sich möglicherweise öffentlichkeitswirksam Ideale auf die Fahnen geschrieben haben, letztlich aber die Macht der Plattformen so einsetzen wollen, dass eine lukrative Abhängigkeit der Lernenden entsteht. Das Modell dafür ist das Freemium-Modell von Games. Candy Crush scheint offen und frei zu sein – aber wer das Spiel intensiv nutzen will, muss entweder weitere Kunden anwerben oder bezahlen. edX setzt mit der Bezahlvariante, bei der man sich von Anfang verpflichtet, ein Diplom zu erlangen und den Kurs abzuschließen, eine ähnliche Strategie ein, um Inhalte zu monetarisieren. Diese Tendenz darf nicht zunehmen – wenn Institutionen durch Plattformen verdrängt werden und diese von gewinnorientierten Playern optimiert werden, dann werden Offenheit und Chancengleichheit Relikte aus der Vergangenheit sein. Ein bewusster Einsatz von Moodle, edX und anderen Plattformen kann dem entgegenwirken.

 

 

3 Gedanken zu “Die Macht der Plattformen

  1. Ein sehr informativer Beitrag, der auch der Entschleierung dient. Wir müssen uns an alles Stellen darüber klar sein, dass auch immer mächtige wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, das Ausblenden von Machtverhältnissen wäre naiv, ebenso wie die Annahme, dass diese sich leicht aushebeln lassen von einer Gemeinschaft der Andersdenkenden und – handelnden.

  2. Danke Philippe Wampfler für die Gedanken zu Plattformen. Unsere Plattform sollte aber anders funktionieren. Unsere Plattform ist VOLKSHOCHSCHULE. Diese beinhaltet Räume, Tafeln, Lernmanagementsysteme, Videos, Bücher, PDFs und eine Menge von Menschen. Die Kunst der Erweiterten Lernwelten ist genau dies als Plattform, als offene Plattform mit Durchlässigkeit und Vernetzung zu gestalten. Bildung der Zukunft ist analog und digital – inklusiv, wenn man es so sagen möchte.
    Als VHS haben wir den Vorteil, dass wir keine institutionelle Selektion betreiben, gerade das Gegenteil ist der Fall. Selektion betreibt bei uns die Gesellschaft, die Art wie wir leben.
    Ich finde die drei Punkte, die Philippe Wampfler benennt in unserem Organisationsentwicklungsprozess „Erweiterte Lernwelten“ sehr bedenkenswert. Zu Punkt 1 kann ich nur voll zustimmen.
    Soziale Netzwerke (Punkt 2) als Fugen im Lernnetzwerk zu betrachten, finde ich ein spannendes Bild. Es ist bestechend einfach und klar. Lediglich den Knoten im Kopf, wie Vorgaben des deutschen Datenschutzes dazu passen, gelingt es mir nicht zu lösen. Vielleicht darf Volkshochschule diese Vernetzung, diese Fugen gar nicht organisieren, sondern muss nur die Lernenden in die Lage versetzen sich selbst zu organisieren. Wo sie dies tun, ist dann die Entscheidung der Teilnehmenden.
    Der 3. Punkt, einen lebenslangen Zugang zu meinen Lerninhalten, meinen Notizen, meinen Materialien ist sehr wünschenswert, wenngleich es dies im bisherigen Präsenzlernsetting auch nicht umfänglich gab. Ja, ich konnte meine Bücher, meine Hefte und Gedanken immer mitnehmen und zu Hause in Regalen archivieren. Die Sachen aus dem Studium habe ich nach 15 Jahren dann, mehr oder minder unangefasst, weggeworfen. Was mir fehlt sind die Menschen aus meiner Lerngeschichte. Hier bieten nun die Fugen im Lernnetzwerk neue Möglichkeiten. Sind inhaltliche Dokumente entscheidend mitzunehmen oder sind es die Lernnetzwerke. Letzteres lässt sich deutlich leichter ermöglichen, denn es liegt in der Hand der Lernenden. Dennoch wäre es gut, die eigenen Daten von einer das Lernen unterstützenden digitalen Plattform herunterladen zu können.
    Volkshochschulen werden sich nicht von digitalen Plattformen verdrängen lassen, wenn wir verstehen, dass wir einen Schritt weiter sind, indem VHS die Plattform ist, in deren Tiefe und Breite irgendwo gerne auch moodle oder edX schwimmen dürfen 

    Stefan Will
    Koordinator Erweiterte Lernwelten

  3. Danke an Philippe und Stefan für die differenzierten Überlegungen. Der Teil mit den sozialen NW und wie man sie in Lernprozesse einbindet, ist spannend. Wir bieten gerade Lernsettings an, in denen Teilnehmende Lernen außerhalb der Präsenzzeiten über Messenger organisieren. Da es sich um Erwachsene handelt (die nicht mit Chats, Plattformen, Internet aufgewachsen sind 😉), sind wir selbst sehr auf die Ergebnisse gespannt.

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