Muss denn jetzt jeder Videos drehen können? – Flipped Classroom

 

Gastbeitrag von Eberhard Ripke, VHS Osnabrück

So, oder allgemeiner gefragt: „Woher bekommt man denn das Material dafür?“, das war eine zentrale Frage im Workshop zu ‚Flipped Classroom im Englisch-Kurs‘ der VHS Osnabrück.

Um gleich ins Thema einzusteigen gab es eine Woche vorher eine Mail mit einem Link zu YouTube, ein 65 minütiger Film über ein Referat von Chr. Spannagel zu diesem Thema, eine Herausforderung durch Fragen in 6 Abschnitte zerlegt.

Seine Motivation (zu flippen), der Unterschied von seinen Ansichten/Erfahrungen aus dem universitären Bereich zum VHS-Alltag und „Warum eigentlich Videos?“ sowie der Begriff ‚selbstverantwortetes Lernen‘ sollten anhand des Videos angedacht werden bevor das Seminar überhaupt losging. Das war die Vorbereitungsphase.

Kritische Fragen zur der Vorbereitungsphase fokussieren sich auf: „Was macht man, wenn die Teilnehmenden sich nicht vorbereiten?“ (Es war hier einer von zehn.) Die Praktiker warnen: Auf keinen Fall die Inhalte der Vorbereitung wiederholen.

Die Präsenzphase begann deshalb mit „Think-Pair- Share“ und den Fragen „Was war die wichtigste Erkenntnis bei der Vorbereitung für dich?“ und „Was wird deiner Meinung nach das größte Problem sein, deinen Englisch-Unterricht zu flippen?“ Diese Fragen setzen voraus, dass man in der Vorbereitungsphase gearbeitet hatte.


Think“ für: gehe noch einmal deine Aufzeichnungen durch, sind sie stimmig, was war dir klar/unklar?, was fällt dir erst jetzt beim Nachlesen auf?

Pair“ für: dein Nachbar machte sich in der Vorbereitung ähnliche/ganz andere Gedanken, was schließt ihr aus dem Unterschied? Evtl. sogar: Wer hat Recht?

Share“ meint: ein weiterer Durchgang wie ‚Pair‘ in einer größeren Gruppe. Sollte die Lerngruppe insgesamt kleiner sein (bei VHS durchaus üblich), könnte das die gesamte Gruppe sein.


Diese Vorgehensweise macht klar, dass ein deutlicher Unterschied zu einer Präsentation als Einstieg besteht; so geplant in der ersten Konzeption des Seminars. Jeder Schritt in der Präsenz setzt somit das Lernen in eigener Verantwortung fort. Der Dozent doziert nicht mehr, er coacht, er fördert die Teilnehmenden. Die Präsenzphase wird damit unberechenbarer und stellt höhere Anforderungen an die Sach- und soziale Kompetenz des Leitenden.

Die Frage nach den Videos, ob man sie nun selbst drehen muss oder woher man sie bekommen kann, verliert dagegen an Wertigkeit. Man muss keine Videos haben. Eine angemessene, wenn nicht geradezu passgenaue Zusammenstellung von Lernmaterialien (ehemals Blended Learning) kann Zeitschriftenartikel, Podcasts (Nachrichten, Reden, Interviews) und … Videos enthalten. Es muss nicht alles selbst produziert werden, es gibt ‚webwide’ reichlich Angebote oder bei den Kolleginnen/ Kollegen.

Fazit:

  • Vorbereitungsphase wie Präsenzphase arbeiten einander zu. Viel Arbeit in die Vorbereitung gesteckt zu haben reicht nicht aus, das Interesse der Teilnehmenden in der Präsenzphase zu halten. Umgekehrt, eine Vorbereitung, die die Präsenzphase zur ‚Überraschungsstunde‘ macht, lässt sich dort nicht nachholen.
  • Videos sollten eingesetzt werden, wenn es darum geht, Prozesse (Handlungsabläufe) effizient zu erklären.
  • Jeder Kursleitende sollte sich klar darüber sein, dass sein Unterricht nun anders abläuft. FC erfordert einen Mehraufwand an Planung und lässt sich zumeist von Durchgang zu Durchgang nicht wiederholen. In welchen Kursen ist das gerechtfertigt?
  • FC hat das Potenzial e-Learning, ‚aktivierender Unterricht‘ und konstruktivistisches Unterrichtsmodell zusammenzuhalten. Welcher Kursleiter brennt darauf, auf diesem Klavieren zu spielen?

Anekdotisches: An der VHS Osnabrück macht ein Englisch-Kursleiter aus Kanada die ersten Versuche mit FC in seinem Unterricht mit Senioren (B2-Niveau), ohne es explizit mitgeteilt zu haben. Diese sind begeistert und halten es für die kanadische Art Unterricht zu machen.

Siehe auch(!): https://www.vhsteacher.com/video/

Eberhard Ripke