Nie mehr Papier nachfüllen: das digitale Flipchart als Einstieg in die digitale Mediennutzung

Ein Gastbeitrag aus dem Volkshochschulverband Baden-Württemberg 

Flipcharts sind als Unterrichtsmedium bewährt und beliebt: Man kann Ideen und Ergebnisse einfach und spontan festhalten. Man kann darauf schreiben, ohne dass es krümelt. Man kann beschriebene Blätter zurückholen, wenn man darauf Bezug nehmen möchte. Man kann die Blätter abtrennen und an der Wand des Seminarraums befestigen.

Aber es hat auch Nachteile: Der Stift schreibt immer schwächer bzw. gar nicht mehr. Das Papier geht aus und Ersatz ist nicht greifbar. Die Farbauswahl ist begrenzt. Manchmal ist das Blatt für Teilnehmende schwer zu lesen, weil die Lichtverhältnisse ungünstig sind. Und am Ende der Veranstaltung müssen große zerknüllte Papierbögen entsorgt werden.

Was wäre also, wenn es gelänge, das Flipchart zu digitalisieren? Der Ressourcenverbrauch wäre auf den Stromkonsum beschränkt, der Stift überflüssig, das Papier komplett obsolet und der Kontrast auf der Schreibfläche optimal, wie bei selbstleuchtenden Bildschirmen üblich.

Nur ein Feature des klassischen Flipcharts würde fehlen: das Papier abtrennen und an die Wand hängen. Dafür gäbe es ein neues Feature: man kann radieren!

Und da Kursleiterinnen und Kursleiter den Umgang mit Flipcharts gewohnt sind, ist die Hemmschwelle, dieses digitale Tool zu nutzen und sich von seinen Vorteilen zu überzeugen, extrem gering.

Ausgehend von diesen Überlegungen hat Karsten Lamprecht, Fachbereichsleiter an der vhs Oberes Nagoldtal, einen Prototyp für ein digitales Flipchart entwickelt.

 

Unter https://youtu.be/XtdyPUNRlxc gibt es ein YouTube-Video, das den Prototyp im Einsatz zeigt.

 

Was wird benötigt?

Ein großer Touchbildschirm, optimaler Weise so groß wie ein Flipchartblatt, nämlich 55 Zoll. Ein Gestell, an dem der Bildschirm befestigt wird, am besten mit Rollen. Ein Stromkabel, ein Rechner, auf dem die Flipchartsoftware läuft.

 

Was ist bisher realisiert?

Die Software läuft und lässt sich intuitiv bedienen. Es ist eine Javascriptanwendung, die einen aktuellen Browser und Windows 10 voraussetzt. Die Features sind auf das Wesentliche beschränkt: Schreiben, Radieren, Farben und Stiftdicke wechseln, neues Blatt holen und zwischen beschriebenen Blättern wechseln, Blatt in einer Datei speichern und diese Datei versenden, hochladen etc. sowie bei Internetanbindung: jegliche Ressourcen im Internet ansteuern.

Gerade der letzte Punkt öffnet Welten, die einem analogen Flipchart komplett verschlossen sind.

 

Wie funktioniert’s?

Bisherige Praxistests haben gezeigt, dass die Akzeptanz mit der Qualität des Touchscreens steht und fällt. Er muss so reaktionsschnell sein, dass der Strich immer unterm Finger bzw. Stift bleibt.

Der aktuelle Prototyp erfüllt dieses Merkmal nur bedingt. Das Schreibtempo darf hier nicht flott sein, eher wie beim Tafelanschrieb in der Grundschule. So etwas fällt professionellen Trainern schwer bis sehr schwer.

Das Gestell muss so stabil sein, dass es immer sicher bewegt werden kann, egal, wo man anfasst. Derzeit ist die Verbindung zwischen Bildschirm und Gestell zu wackelig und die Rollen sind zu hakelig.

Der Bildschirm ist nur mit großem Aufwand von der horizontalen in die vertikale Position zu bringen. Wünschenswert wäre ein intuitiver Drehmechanismus.

 

Und was kostet so etwas?

Der Prototyp hat harte Kosten nur bei der Anschaffung des Gestells erzeugt. Es wurde für 159 EUR bei Amazon erworben. Der Bildschirm wurde gebraucht für 865 EUR gekauft und wird schlussendlich als Infoterminal in einer derzeit im Umbau befindlichen VHS-Außenstelle eingesetzt. Das Notebook ist „eh da“ und die Software wurde aus Interesse an der Sache nebenher entwickelt.

Ein rundum praxistaugliches Digital-Flipchart läge aktuell bei den Bildschirmkosten bei ca. 1.800 EUR. Vor einem Jahr waren es noch mind. 2.500 EUR, davor weit über 3.000.

Das Gestell wurde im „Konfektionsangebot“ noch nicht gefunden. Sein Preis wird in jedem Falle weit über dem des Prototypgestells liegen. Akzeptabel wären m. E. nur Kosten deutlich unter 1.000 EUR.

 

Fazit

Der Prototyp, ohne die oben genannten Schwächen, wäre eine vorzügliche Alternative zu teuren Smartboards, wenn man es schaffen würde, den Preis für Gestell und Bildschirm auf deutlich unter 3.000 EUR zu drücken, am besten noch unter 2.000 EUR.

CC-0, geralt, pixabay

Durch die Flipchartanmutung wäre es ein attraktiver Ersatz für selbiges, vorausgesetzt, das Ausstaffieren des Seminarraums mit abgetrennten Flipchartblättern gehört nicht zum Schulungskonzept.

Im Prinzip ließen sich Beamer, Tafel und Flipchart durch ein einziges Medium ersetzen. Ein 55-Zoll-Bildschirm liefert bei Gruppengrößen im unteren zweistelligen Bereich ein ausreichend großes Bild mit einem im Gegensatz zum Beamer unschlagbaren Kontrast- und Helligkeitswert.

Durch das einfache Bedienungskonzept (Einschaltknopf drücken – warten, bis weiße Schreibfläche erscheint – mit Finger oder Pseudostift einfach drauflosschreiben) wäre für eine maximale Auslastung gesorgt, da schon einfachste Ansprüche (etwas notieren oder skizzieren) damit befriedigt werden können.

Wer diese Flipchart-Alternative einmal ausprobieren möchte: Unter www.vhsnagold24.de/flipchart lässt sich die Software, die im Prinzip eine Webanwendung ist, die jedoch auch lokal laufen kann, mit einem touchfähigen Gerät testen.