Orte des Neues Lernen: Coworking Spaces statt Volkshochschulen

Gastbeitrag von Tobias Schwarz
Tobias Schwarz ist Coworking Manager der beiden St. Oberholz Coworking Spaces in Berlin und wirkt am Aufbau der Sankt Oberholz Verlagsanstalt mit. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er das Institut für Neue Arbeit gegründet. Davor leitete er das Blog Netzpiloten.de; für die Netzpiloten ist er weiterhin als Editor-at-Large tätig und berät die Geschäftsführung der Netzpiloten Magazin GmbH. Tobias Schwarz hat Politikwissenschaft in München, Venedig und Berlin studiert und arbeitete u.a. für Tumblr, das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory, McKinsey und den Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Er ist Gründer und Vorstandsmitglied der German Coworking Federation.


 

Schule war gestern. Heute gilt: Ich arbeite, also lerne ich.

Tobias Schwarz (Image by Carolin Saage)

Tobias Schwarz (Image by Carolin Saage)

Eine Frage stellen sich traditionelle Institutionen viel zu selten: Worin liegt eigentlich noch ihre Existenzberechtigung? Dabei ist die Antwort auf diese Frage zugleich ein hervorragender Blick auf die eigene Zukunft. Joachim Sucker hat sich in einem Beitrag für das Blog des Volkshochschul-Verbands gefragt, wie die Mitarbeiter an Volkshochschulen in Zukunft arbeiten werden und woher der qualifizierte Nachwuchs kommt.

Sein Fazit ist, dass sich Volkshochschulen in Zukunft umstellen werden müssen, „nicht nur, was die Arbeitsorganisation und Unternehmenskultur angeht, sondern im digitalen Zeitalter sind es auch die Arbeitszuschnitte, die überprüft gehören.“ Ich möchte den Gedanken einen Schritt weitergehen und fragen, warum wir überhaupt noch Volkshochschulen brauchen? Heutzutage lernt man nicht mehr nur für eine Arbeit, sondern in Zeiten des Wandels vor allem während der Arbeit.

Nach dem Studium der Politikwissenschaft habe ich als PowerPoint-Designer für ein Beratungsunternehmen gearbeitet. Alles was ich dafür können musste, habe ich innerhalb von zwei Wochen beigebracht bekommen, danach in der Praxis vertieft und so meine Fähigkeiten stets verbessert. Die Qualifikationen für diese Tätigkeit, die ich nicht auf dem ersten Bildungsweg erlernt habe, wurden mir im aktiven Berufsleben vermittelt.

Einen Einführungskurs zu PowerPoint musste ich also nicht an der örtlichen Volkshochschule besuchen. Ähnlich erging es mir bei meinen weiteren beruflichen Stationen. Sei es als Büroleiter beim Bundesvorstand einer politischen Partei, als Assistent für Lokalisierung bei Tumblr oder als Community Manager bei einem Startup, meine Aufgaben waren stets Ausdruck der aktuellen Arbeitswelt und konnten nur durch die Praxis erlernt werden.

Die quartären Aufgaben der Volkshochschule haben in der Neuen Arbeit, so scheint es, die Arbeit an sich vollständig übernommen. Der klassische Bildungswege scheint nur noch selten die Fähigkeiten, die man auf einem globalen Arbeitsmarkt braucht, auch zu vermitteln. Dass jährlich über 6 Millionen Menschen in Deutschland die Volkshochschule besuchen, lässt mich rätseln, was diese Menschen eigentlich arbeiten, was sie da lernen und vor allem wann?

Der mehr als nur feine Unterschied: Community statt Institution

Die Webseite der Volkshochschule Berlin listet Kurse zu folgenden Gebieten auf: Sprachen Deutsch, Integration, Gesundheit, Ernährung, Kunst, Kultur, Kreativität, Computer, Internet, Beruf, Karriere, Politik, Gesellschaft, Natur, Umwelt und Schulabschlüsse auf. Den letzten Punkt können Coworking Spaces selbstverständlich beim deutschen Bildungssystem nicht anbieten, aber zu allen anderen Bereichen findet man in Coworking Spaces auch Experten.

Die Community des St. Oberholz ist sehr international, ich finde hier Menschen aus allen Ecken der Welt. Ein perfekter Ort, um neben Englisch weitere Sprachen zu lernen. Oft bitten mich auch Deutsch lernende Coworker, ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Deutsch mit ihnen zu reden, damit sie diese Sprache besser und schneller lernen. Integration, nicht nur in den Arbeitsmarkt, auch in die Gesellschaft, findet in Coworking Spaces beinahe nebenbei statt.

Die meisten Coworking Spaces haben keinen bestimmten Fokus in ihrer Community, sondern spiegeln die Diversität unserer Gesellschaft wieder. Hier arbeiten Programmierer neben Marketing-Profis, Erziehern, Zauberern, Journalisten und Proofreadern. Die meisten sind Wissensarbeiter und gehen problemlösenden Tätigkeit nach statt nur Routinearbeit zu erledigen. Dafür braucht es die verschiedensten Fähigkeiten und nicht eine monothematische Expertise.

Damit die Menschen miteinander reden, müssen sie sich kennenlernen. Zweidrittel der Coworker reden aber während der Arbeit nicht miteinander. Erst wenn sie sich auf vom Community Management organisierten Events kennengelernt haben, sprechen sie regelmäßig miteinander und entwickeln zusammen Ideen. Das Phänomen nennt sich Serendipität – das was man findet, aber eigentlich nicht nach gesucht hat. Ein Alleinstellungsmerkmal von Coworking Spaces.

Gerade im St. Oberholz, mit dem Café und den beiden Coworking Spaces, lerne ich stets etwas über Kreativität (Lesetipp: „Daran arbeiten die Menschen in Berliner Cafés“), durch unseren Koch Boris über Ernährung und Gesundheit, sowie durch Events auch über Kunst und Kultur, denn beides findet hier ebenso statt. Unsere Coworker, die Startups, unsere Gäste, aber auch meine Kollegen, vermitteln ständig Wissen. Man muss nur fragen und zuhören.

Coworking Spaces sind auch Orte des Neuen Lernens

Vor wenigen Wochen waren Vertreterinnen einer Universitätsbibliothek zu Besuch im St. Oberholz, um sich über das Betriebssystem Coworking zu unterhalten und wie sie es in ihren Lesesälen integrieren können. Schon längst wurde erkannt, dass Coworking Spaces als Freiheit, Struktur und Community bietende Orte nicht nur für die Neue Arbeit, sondern auch für eine neue Art des Lernens bestens geeignet sind.

Weltweit gibt es bereits Hybride aus Bildungsinstitutionen und Coworking Spaces, wie das H4 der Universität von Carolina oder das KoSiLAB der Universität Siegen. Oder die neuen Bildungsakteure sind schon im Coworking Space. Im St. Oberholz sind das zurzeit u.a. die ReDI School of Digital Integration und die Spiced Academy, aber auch einzelne Freelancer, die Weiter- und Fortbildungen anbieten. Das Angebot ist so bunt und vielfältig wie die Community.

Was den bestehenden Institutionen einfach fehlt, ist eine diverse Community, wie man sie in unabhängigen Coworking Spaces vorfindet. Hier kann man nicht nur Theorie gleich in die Praxis umsetzen, man hat auch Kontakt zu einer Gruppe von Experten, die hier täglich ihrer Arbeit nachgehen. Nebenbei kann man auch etwas über das Gründer- und Unternehmertum lernen, denn hier treffen sich auch am Anfang stehende Startups und transformierende Corporates.

Noch ist das Bildungspotenzial von Coworking Spaces nicht systematisch erschlossen und was die Community eines Coworking Spaces zu leisten in der Lage ist, hängt von ihrer Größe und Diversität ab. Aber brauchen wir denn überhaupt noch Volkshochschulen zur Erwachsenen- und Weiterbildung, wenn dies auch durch Bildungsprogramme eines Coworking Space erledigt werden könnte?

Um Antwort unter diesem Beitrag wird gebeten.

24 Gedanken zu “Orte des Neues Lernen: Coworking Spaces statt Volkshochschulen

  1. Lieber Tobias Schwarz,

    es mag stimmen, dass man stehts auch bei der Arbeit lernt. So im Sinne von learning-by-doing und durch Vernetzung oder die angesprochene Serendipität. Diese Art zu lernen funktioniert aber eben auch nur bei den von Ihnen angesprochenen „Wissensarbeitern“, die vernetzt sind und durch ihren Beruf gehalten sind, ständig (neue ?) Lösungen zu finden und nicht nur Routine abzuspulen. Für diese Personen ist es auch selbstverständlich, Wissen mit anderen zu teilen. In diesem spannenden und angenehmen Arbeitsfeld arbeiten aber eben nicht alle.
    Es gibt aber auch Menschen, die in ihrem Arbeitsleben Routineaufgaben erfüllen müssen, sei es die Verwaltungsfachangestellte, der Bandarbeiter, die Verkäuferin oder der Bäcker. Diese Personen trauen sich manchmal nicht, andere nach einer Lösung zu fragen, weil sie glauben, dass sie dann ja zeigen, dass sie Ihre Arbeit nicht richtig machen. Oder sie trauen sich einfach nicht, etwas auszuprobieren, weil man je etwas kaputt machen könnte. Oder sie Suchen einfach nicht, weil sie sich selber ein System geschaffen haben, das ja irgendwie funktioniert. (Wie oft findet man z.B. auch bei jüngeren Schreibkräften Worddokumente, bei denen der Seitenumbruch per Leerzeile hergestellt ist…)
    Diese Personen brauchen eine klare, strukturierte Form des Lernens und auch einen separaten Lernort, wie sie eben die Volkshochschulen bieten. Die VHSn haben sich auf ihre Fahne geschrieben „Bildung für alle“ anzubieten und das bedeutet eben auch Angebote für die, die eine verschulte Lehr- und Lernform gewohnt sind und mögen. Es ist für die VHSn ganz wichtig, die Personen, die in den letzten 10…20 Jahren nicht von selbst gelernt haben, digital zu lernen, mitzunehmen und in die Erweiterten Lernwelten einzuführen. Ansonsten werden diese Personen noch mehr von der Gesellschaft abgeschnitten und fühlen sich überfordert.

    • Das ist eine hervorragende Antwort auf meinen durchaus ja provokant angelegten Artikel. Vielen Dank dafür, Peter. Sei dir gewiss, dass ich mir der Unterschiede zwischen meiner Arbeitswelt und den Arbeitsrealitäten anderer Menschen durchaus bewusst bin und in Coworking kritisch betrachtenden Vorträgen und Beiträgen auch berücksichtige. Hier war mein Artikel dazu da, derartige Antworten wir von dir zu provozieren. 🙂

  2. Ich stimme Herrn Kabitzsch zu. Lernen während der Arbeit ist auch nichts „neues“ sondern hat es schon immer gegeben. Auch in den 90er Jahren gab es bereits Menschen, die KEINEN VHS-Kurs zu Power Point besucht haben, sondern das in 14 Tagen am Arbeitsplatz gelernt haben. Warum waren dann aber die Power-Point-Kurse an den VHSn in den 90er Jahren trotzdem so voll? Ein anderes Beispiel: Buchführung. Staubtrockenes Detailwissen, hunderte gesetzliche Regelungen, tausend Ausnahmen. Niemand zieht sich das in 14 Tagen am Arbeitsplatz mal so „nebenbei“ mit rein, während er seine „eigentliche“ Arbeit tut. Und sehr viele Arbeitgeber haben weder Lust noch Zeit noch Personal, um neue Mitarbeiter in der Buchhaltungsabteilung durch wochenlanges persönliches Coaching fit zu machen. Also schickt der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter zu einem externen Dienstleister, der den Mitarbeiter dann gezielt schult. z.B. zur Volkshochschule. Wo und wie diese Schulung dann genau funktioniert ist eine andere Frage – ob als Präsenzunterricht, Online-Seminar, E-Learning, kollaborativ, in virtuellen Räumen, Inhouse-Schulung im Unternehmen oder, oder, oder …

    Ein weiterer Aspekt gerade in Deutschland: Zertifikate und Abschlüsse. Man kann über Sinn und Aussagekraft von Zertifikaten und Diploma, Schulnoten etc. trefflich diskutieren. Am Ende zählt nicht das Zertifikat oder das Diplom, sondern die tatsächlichen Fähigkeiten in der Berufspraxis. Dennoch scheinen verbriefte Abschlüsse nicht so ganz sinnfrei zu sein, sonst gäbe es sie nicht seit vielen Jahrzehnten. Bei Power Point kann er Arbeitgeber die tatsächliche Kompetenz des Bewerbers vielleicht auch relativ schnell rausbekommen. Bei komplexeren Kompetenzfeldern dauert es vielleicht Wochen oder Monate, bis ich als Arbeitgeber „ausgetestet“ habe, was der Bewerber wirklich kann. Da kann so ein vorgelegtes Zertifikat oder Abschluss schon sinnvoll sein. Es gibt auch Tendenzen, dass Arbeitgeber weniger als bisher auf Zertifikate und Noten schauen und stattdessen andere Bewertungskriterien im Personalrecruiting etablieren. Am Ende wird es eine Mischung sein.

    Mein Fazit: Informelles Lernen am Arbeitsplatz gab es schon immer und wird es auch immer geben – vielleicht in bestimmten Branchen auch deutlich zunehmen. Formelle Aus- und Weiterbildungen wird deshalb aber nicht gleich per se infrage gestellt.

    • Dem Fazit möchte und kann ich nicht gänzlich widersprechen, aber wie sehr „formelle Aus- und Weiterbildungen“ bereits im Bereich der sogenannten Neuen Arbeit an Bedeutung verloren haben, wird vielleicht etwas unterschätzt. Ich weiß noch, was eine Bewerbungsmappe ist, aber seit drei Jahren habe ich eine Stelle nur mit dem Link zu meinem LinkedIn-Account und Links zu Blogbeiträgen bekommen. Das war beim ersten Mal aufregend und neu, inzwischen fühlt es sich wie ein Standard an. Sicher nicht der für eine Stelle im öffentlichen Dienst, aber das ist auch ein Grund, warum ich mich da gar nicht mehr bewerbe.

  3. „Auch in den 90er Jahren gab es bereits Menschen, die KEINEN VHS-Kurs zu Power Point besucht haben, sondern das in 14 Tagen am Arbeitsplatz gelernt haben. Warum waren dann aber die Power-Point-Kurse an den VHSn in den 90er Jahren trotzdem so voll? […] Informelles Lernen am Arbeitsplatz gab es schon immer und wird es auch immer geben – vielleicht in bestimmten Branchen auch deutlich zunehmen. Formelle Aus- und Weiterbildungen wird deshalb aber nicht gleich per se infrage gestellt.“

    Dem könnte man sogar fast zustimmen, wenn es dieses verdammte Internet nicht gäbe: Wie viele Menschen sitzen denn heute noch in den VHS-Powerpoint-Kursen? Sind die immer noch so voll? Oder holen sich das die Lernenden aus dem Netz? Das informelle Lernen am Arbeitsplatz ist durch das Web eben nicht auf diesen begrenzt, man hat das Weltwissen nur 3 Klicks entfernt – das war früher nicht so. Warum soll ich

    Zeugnisse und Zertifikate verlieren ebenso an Bedeutung, die Bahn interessiert das bspw. schon nicht mehr http://www.sueddeutsche.de/karriere/bewerbung-bei-der-deutschen-bahn-zeugnis-egal-1.1722142

    Die VHSen bekommen starke Konkurrenz auf allen Ebenen und Tobias beschreibt das ganz richtig: nicht nur Bildungsangebote im Netz, sondern auch neuartige und für alle zugängige Einrichtungen vor Ort sind schnell attraktiver als die VHS, wenn sich hier nichts bewegt.

    • Ja, liebe Anja Lorenz, ich bin schon erstaunt, wie kurz das Gedächtnis von Mitarbeitern der Fachhochschule Lübeck ist. Wir haben Mitte der 80iger Jahre in den VHS schon Studierenden auch aus der Fh Lübeck Einstiegskurse in Anwendersoftware angeboten als die FH noch überlegte, ob sich Anwendersoftware wirklich durchsetzen werde. Also VHS, da bin ich ganz sicher, haben keine Nachhilfe in Beweglichkeit nötig. Zumindest nicht mehr als manche hochschulische Einrichtung, die oft Jahre für die Überarbeitung von Curricula benötigt, so viel Zeit können sich VHS in der Regel nicht nehmen.
      Und das hat man davon, wenn man im Studium nur Links schaut und dabei vergisst, dass Weltwissen nicht nur im Internet, sondern auch in Büchern zur Verfügung stehen kann und diese haben natürlich auch damals schon in Vorinternetzeiten Menschen fürs Selbstlernen genutzt. Ich weiß das, denn ich habe – so glaube ich – ganz erfolgreich Anwenderhandbücher geschrieben, die sich ganz gut verkauft haben, und trotzdem erfolgreich Kurse nicht nur in VHS geleitet. Und genau das wird unsere Maxime sein, die Vorteile des analogen Lernens bewahren, und die liegen ganz sicherlich nicht nur in der Vermittlung kognitiven Wissens, und das Gute des neuen Lernens so nutzen, dass besseres Lernen für alle möglich wird.
      Damit will ich aber beileibe nicht sagen, dass wir uns nicht ändern müssen, natürlich müssen wir das und wir tun das auch mit sehr kritischem Blick auf das eigene Handeln, aber auch mit viel Selbstbewußtsein einer Einrichtung, die es Jahr für Jahr schafft, Millionen von Menschen fürs Lernen zu gewinnen.

      • … hmm, die 80er, ja? Dann freut es mich umso mehr, dass „wir uns“ nach gut 30 Jahren mit unserer Infrastruktur revanchieren konnten, um mit dem „ichMOOC“ den größten VHS-Kurs aller Zeiten zu veranstalten (leider ohne MOOCbar in Bonn). Dann sind „wir“ da wohl quitt.

        Der ichMOOC, das VHSCamp, dieser Blog: das alles sind doch Zeichen, dass einige in der VHS neue Wege gehen wollen und dass diese erfolgreich sind. Und ich lese und kommentiere hier ja auch, weil ich diese Entwicklungen interessant finde und ein wenig die Hoffnung habe, dass diese Institution eine Zukunft hat – denn in ihrem ursprüngliche Aufgabenfeld, der Bildung für alle (vor Ort), bekommt sie starke Konkurrenz eben beispielsweise durch Coworkingspaces, aber eben auch von BarCamps, MakerSpaces, MeetUps aller Art und eben dem Internet. Nun ist es an der VHS, sich zu bewegen und wenn diese Beweglichkeit da ist, umso besser, aber die anderen scheinen mir gerade etwas schneller zu sein.

        Ich sehe hier durchaus auch Parallelen zu den Bibliotheken, die vor ein paar Jahren scheinbar ins Stocken geraten sind. Einige kämpfen immer noch, andere haben das mit der Digitalisierung verstanden und wissen, dass man Informationen heute nicht nur aus Büchern bekommen kann, vor allem dann nicht, wenn es schnell und aktuell sein soll. Leuchttürme aber, wie die TIB Hannover und die SLUB Dresden, haben ihre Aufgaben auf die neuen Medien ausgeweitet und liefern mit digitalisierten Beständen wie Adressbüchern, Karten, Lehrvideos oder auch eigenen Makerspaces einzigartige Angebote. Ich wünsche mir, dass das die VHS auch schafft. Ein paar gute Ansätze sind ja schon dabei, die kamen aber nie von denen, die auf „Gestern“ geschaut haben.

        Aber nochmal mal am Rande: Ich kritisiere die Rückwärtsgewandtheit in die 90er und als Antwort erhalte ich ein Beispiel aus den 80ern? Ist das Satire?

        Und entschuldige bitte mein „kurzes“ Gedächtnis“, aber in den 80ern bin ich gerade mal geboren worden und das nicht in der BRD… aber vielleicht kann sich der Hausmeister hier noch dran erinnern…

  4. Zum Glück gibt es auch noch eine Allgemeinbildung und eine Welt jenseits von der Arbeit. Wer sich nur über die Arbeit definiert, vernachlässigt Herz, Geist, Verstand und Intellekt. Nur zu: denn dann sind die vhs’en wieder zur Stelle…

    • Dieses „jenseits“ sehe ich mir bei persönlich nicht und empfinde dadurch auch mehr Zufriedenheit, wenn ich Arbeiten kann. Trotzdem zelebriere ich Feierabende und Auszeiten – nur eben nicht nach einem 9-bis-5-Schema. Es kommt auf die Tätigkeit an, aber gerade wenn man keine Routinearbeit erledigt, dann ist diese sogenannte Allgemeinbildung, aber auch die Möglichkeit der Erweiterung durch digitalisiertes Wissen, stets gefordert. Ich sehe also durch meine Arbeit eher eine Motivation von Herz, Geist, Verstand und Intellekt. Bietet dies einem die Arbeit nicht, dann rückt die Zeit der Nicht-Arbeit automatisch in den Vordergrund.

  5. Danke an Tobias, solche Gastbeiträge können Gedanken freisetzen und Perspektiven eröffnen.
    Wahrscheinlich werden mit den erweiterten Möglichkeiten auch die Angebote weiter ausdifferenzieren. Das betrifft Orte, wie Lernsettings und weitere Dienstleistungen im Web und vor Ort. Das müssen nicht unbedingt Gegensätze sein. Alle Player sollten dabei die Augen offen halten. Nicht das Kopieren ist dabei das Ziel, sondern das gegenseitige Lernen. Entsprechend unserem Grundsatz, eine lernende Organisation zu sein, können wir uns fragen, was am Netzwerklernen in Coworking Spaces das Besondere ist. Was können wir lernen und können wir solche Räume auch bei uns integrieren? Das würde allen Beteiligten helfen, denn VHS UND Coworking Spaces passen meiner Vorstellung nach gut zusammen.

    Gestern sprach ich darüber auch mit Jöran Muuß-Merholz. Wir werden das Thema weiter aufgreifen und aus der Zukunftsperspektive der Volkshochschulen betrachten.

  6. Ja, @AnjaLorenz, ich kann auch PowerPoint, habe dafür nie einen VHS-Kurs besucht, doch einen Coworking Space habe ich auch noch nie betreten. Trotzdem gibt es viele, bei denen das eine oder andere der Fall ist oder die es mal nötig hätten (oder auch nicht, weil sie Prezi nutzen, statt Powerpoint). Ich finde auch wichtig, dass wir diese Trends und Entwicklungen zur Kenntnis nehmen und weiter denken.

    Als erstes fällt mir dabei die Idee eines „Colearning Space“ ein. Das gibt es schon und nennt sich z.B. Lerncafé für Grundbildung, in diesem Fall sehr erfolgreich.

    Verallgemeinert auf andere Themen habe ich noch keine Idee, wie man das umsetzen (und wie immer auch finanzieren) sollte, sodass alle auch mit modernen pädagogischen Konzepten davon profitieren, aber es lohnt sich, in diese Richtung weiter zu denken, finde ich.

  7. Dann gibt es da Menschen, die nicht in Arbeit sind oder noch nicht, diejenigen, die sich beruflich verändern wollen, die etwas erst einmal vom Grund auf lernen wollen um dann am Arbeitsplatz das betrieblich Relevante dazuzulernen.
    Ich bestreite nicht, dass VHSen ihre Hausaufgaben machen müssen bezogen auf ihre Lernangebote und ihre eigene Arbeitsweise, aber bitte reduziert doch nicht Lernen auf berufsbezogene Weiterbildung ( und dann auch noch oft in einem sehr engen Sinn). Diese Diskussion ist nicht zielführend. Die Motive von Menschen sind vielschichtiger.
    Welcher Co-Working Space bietet mir Chor für Talentfreie??

    • Gute Frage und wahrscheinlich noch kein Coworking Space weltweit, aber das bedeutet nicht, dass die dort vorhandenen Communities nicht dazu bereit sind, so etwas auf einen Impuls hin zu machen. Diese Einstellung der Menschen, den englischen Begriff des Mindset finde ich dies passender ausdrücken, kann man nicht institutionalisieren und einfach kopieren.

  8. Natürlich bietet Coworking viele vergleichbare Möglichkeiten. Keine Frage. Hipper, jünger, sexier. Auch keine Frage.
    Aber genau das kann auch ein Problem sein. Die Schwelle für all jene, die sich dieser Gruppe nicht zugehörig fühlen, wird höher.
    Und das ist der Vorteil von Volkshochschule: Bildung für alle. Niedrigschwellig. Lokal.

  9. Wie passend – heute habe ich als Leiter einer kleineren vhs das erste Mal einen Coworker-Space betreten und viel gelernt…
    Wenn es auch in Marokko war und hier aufgrund der hier vorherrschenden digitalen Nomaden sicher andere Verhältnisse herrschen als in Berlin bei Tobias 😉

    Gerade im Bus zurück nach Marrakesch muss ich jetzt noch meine Gedanken loswerden:

    Meine Cousine betreibt diese Einrichtung und hat bestätigt, dass auch hier viel informell voneinander gelernt wird – je nachdem, wer wie lange zu Gast ist und welches Wissen/Können mitbringt!
    So gab es in letzter Zeit Yoga, Persönlichkeitstrainings, Unterstützung bei diversen Fremdsprachen oder IT-Themen – oft aber auch neben bzw. nach der Arbeit, weil hier ja oft auch ein Teil der Freizeit miteinander verbracht wird – Surfen kann man/frau in Taghazout ohnehin bestens lernen…

    Die Volkshochschulen dürfen sich nicht ausruhen und auf „alten Lorbeeren ausruhen“ – aber neben bewährten (und noch immer gut besuchten) „klassischen“ Angeboten und Formaten müssen wir uns weiterentwickeln!

    Dabei ist es sicher gut, Beispiele anderer Lernformen und -orte zu beobachten und zu analysieren – und davon zu lernen!

    Daher freue ich mich sehr über diese Gastbeiträge – über diesen wichtigen, mutigen, gern auch provokanten und vor allem überaus interessanten Blick „über den Tellerrand“ in diesem Blog!

  10. Der Artikel spricht eine wichtige grundsätzliche Frage an, welche Aufgabe soll und kann die VHS in Zukunft erfüllen? Hat sie überhaupt noch eine Zukunft?. In ihrem traditionellem Geschäftsbereich etablieren sich zunehmend neue Anbieter wie Udemy und auf der anderen Seite die Coworking spaces, die man nicht unterschätzen sollte, wie dies in einigen Kommentaren meiner Meinung nach der Fall ist.
    Unser Schul- und Bildungssystem ächzt und knarzt, weil es weitgehend den Anschluss verloren hat und die Volkshochschulen ächzen mit. Der Umbruch ist überfällig, da Noten an Bedeutung verlieren, auch Zeugnisse und Zertifikate treten bei Bewerbungen immer mehr in den Hintergrund. Gefragt sind Menschen mit Kompetenzen, die willens und in der Lage sind, diese selbstständig weiter zu entwickeln. Das ist weit mehr als das traditionelle „learning by doing“. Workplace learning heißt täglich neue Probleme kreativ lösen zu können und hat
    Zu den Folgen der Digitalisierung gehört auch, dass Routineaufgaben in Zukunft von Computern erledigt werden, dass damit viele Berufe wegfallen oder sich grundlegend verändern werden. Dieser Prozess ist längst in Gang.
    Weiterbildung durch traditionelle Seminare und Kurse kann man heute nicht mehr ernsthaft vertreten. Die Ergebnisse dieser Formate sind derart dürftig, dass sie immer weniger von Unternehmen akzeptiert werden.
    Ein großes Manko vieler Volkshochschulen besteht darin, dass ihre Angebote überwiegend Wissen vermitteln wollen und die Kompetenzentwicklung vernachlässigen. Das ist nicht verwunderlich, da die Volkshochschulen von ihren Kursleitern und deren pädagogischen Kompetenzen abhängig sind. Viele Kursleiter sind von ihrer eigenen schulischen Sozialisation geprägt und kennen nichts anderes.
    Volkshochschulen nicht zu beneiden sind. Die Aufgaben sind komplex und es wird wohl keine einfachen Lösungen geben. Umso wichtiger erscheint mir, dass sich Volkshochschulen weit mehr als bisher vernetzen, eigene Coworking spaces entwickeln und vor allem aus ihren regionalen Grenzen und Begrenztheiten herausfinden. Die Bildung und Ausbildung, das Lernen am Arbeitsplatz und der internationale Austausch sind heute keine Gegensätze, sondern Alltag.
    Und was hier vielleicht etwas zu kurz kam, Lernen ist ein menschliches Grundbedürfnis wie das Essen und Trinken. Ist es nicht wunderbar, dass wir heute in Deutschland selbst in kleinen Orten Restaurants finden mit einer Küche, die regionales mit internationalem verbindet. Es macht zumindest mehr Spaß und sollte Lernen nicht neben allem anderen vor allem Spaß machen?

  11. Pingback: Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen - blog.volkshochschule.de

  12. Und ist das Lernen in den coworking spaces nicht eine Neuauflage der skandinavischen Studienzirkel? Selbst organisiertes Lernen von einander … Die Erwachsenenbildung hält diese neuen (!?) Formen schon gut aus.

  13. Ich verstehe die Diskussion um entweder oder nicht. Wir brauchen heute und in Zukunft noch viel mehr individualisierte Lernmöglichkeiten im Netz, bei denen die Vhs ihre Rolle als Rahmengeberin, Lernbegleiterin und Motivatorin kreativ und wandlungsfähig ausfüllt. Wir brauchen aber gleichzeitig die klassischen Kursformate, die es Menschen ermöglichen, im persönlichen Kontakt, mit einer gewissen Verbindlichkeit, an einem Ort professionell angeleitet zu lernen. Dinge gemeinsam, mit allen Sinnen auszuprobieren, zu erfahren und zu erspüren. Und wir brauchen ganz viele Übergänge und Durchlässe für beide Lernwege. Das ist aber auch gleichzeitig das Problem für VHSen mit ihren knappen Ressourcen…. Mit den Kursen verdienen wir nach wie vor das Geld und stehen inzwischen unter einem enormen Einnahmedruck. Das andere ist nach wie vor das add on, für das viel zu wenig Ressource bereit steht. Unter anderem deswegen finde ich die Strategie des Vhs Tages so wichtig, deutliche Signale in die Politik zusenden…..

    • Anette,
      ich stimme Dir ausdrücklich zu: Die kontroversen Diskussionen lenken uns von den notwendigen Gedanken und Gesprächen ab. Das Internet verschwindet nicht! Alles, was im Rahmen der Digitalisierung erschaffen wird, seien es Applikationen oder Geschäftsmodelle, wird die Gesellschaft nachhaltig verändern. Das tritt oft in Dominoeffekten auf. Wir können hier die Bezüge zur Bildung herstellen, aber das sollte den Blick nicht unnötig einschränken. Bildung ist kein Selbstzweck.

      Ich will hier nicht viel schreiben, denn die wichtigen Gedanken sind in der Süddeutschen vom 27. Mai 16 gut beschrieben. „Digitaler Wandel: Kampf der Skeptiker gegen Visionäre“

      „Was wir brauchen, ist eine erweiterte Debatte jenseits ideologischer Linien. Um ihr Legitimität zu verleihen, müssen breitere Bevölkerungsschichten als bislang an ihr teilnehmen können. Bildungs-, Forschungs- und Informationsinitiativen können das Verständnis komplexer Wechselwirkungen erleichtern.“

      http://www.sueddeutsche.de/digital/samstagsessay-vorsicht-zukunft-1.3008159

    • Und ich möchte Dir in einem weiteren Punkt zustimmen.
      Die Arbeitssituation vieler Kollegen ist sehr angespannt. Der wirtschaftliche Druck wächst und die Arbeitsaufgaben wachsen zunehmend. Nun wird auch noch der Anspruch nach neuen digitalen Lernsettings formuliert. „Wann sollen wir das denn machen?“, wäre eine normale Antwort darauf. Immer alles zusätzlich zu fordern geht natürlich nicht auf. Es bedarf einer Entscheidung, welche Angebote aus dem Portfolio gestrichen werden sollen, damit Platz für etwas neues ist.
      Aus meiner Sicht braucht es da eine mittelfristige Strategie. Diese könnte die Kollegen in die Lage versetzen aufzuräumen und neue Angebote zu realisieren.
      Eine Strategie für über 900 Volkshochschulen gibt es aber nicht. Jede Volkshochschule hat andere Rahmenbedingungen. Und 900 unterschiedliche Strategien wird es auch nicht geben.
      Einige der Aufgaben können wahrscheinlich zentral unterstützt werden. Ich denke dabei an Mitarbeiterschulungen oder Kursleiterfortbildungen. Oder eine zentral unterstützte technische Infrastruktur bzw. die Erprobung neuer Lernsettings mit einfachen Multiplikationsmöglichkeiten.

      Im Masterplan stehen dazu ja erste Ansätze, die allerdings die Entscheidungen vor Ort nicht überflüssig machen. Vielleicht kann der VHS-Tag hierzu wichtige Impulse geben.

  14. Super, Anette, das ist der richtige Weg! Nicht entweder oder, nicht schnell und nicht langsam, nicht ganz oder gar nicht. Weg kann sein:Zusammenarbeit mit Online Angeboten, um die Arbeit einfacher und ökonomischer zu machen, kopieren, Innovationen teilen… Dafür muss es einen Mechanismus geben: vhs-coin? Oder einfach Solidarität, gerade auch für kleinere VHSen?

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