Präsenz, was ist das?

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Achterbahnfahrt

Wenn wir uns auf etwas in den Volkshochschulen verständigen können, dann ist das die Gewissheit, dass Volkshochschule immer eine Bildungseinrichtung für Präsenzlernen sein wird. Das ist nicht verhandelbar.

Vor wenigen Tagen hätte ich Präsenz so definiert: Mehrere Menschen treffen sich in einem Raum. Sie können einander sehen, sie sitzen gemeinsam in einem Raum und sie können miteinander in Echtzeit kommunizieren.

Auf dem vhscamp16 in der Hamburger Volkshochschule hatte unser Kollege Stefan Will eine Virtual-Reality-Brille mit. Eine Brille, die einem vorgaukelt, man befinde sich in einem anderen Raum. Bei gleichzeitiger Benutzung eines Kopfhörers senden Ohren und Augen ein Signal an unser Gehirn, welches diesen anderen Raum dreidimensional erlebbar macht. Bisher hatte ich nur davon gehört.

An der Frontseite der Brille sitzt das Smartphone und hier werden unterschiedliche „Filme“ angeboten. Am Vorabend des vhscamps setzte ich die Brille auf, nahm auf einem Stuhl Platz und Stefan aktivierte die Sequenz einer Achterbahnfahrt. Achterbahn fahren gehört für mich auf die rote Liste, niemals werde ich mich da reinsetzen. Und nun saß ich mittendrin. Schon als es zur Rampe hinauf ging, wurde ich leicht nervös. Als es dann hinab ging und ich auch noch in der ersten Reihe saß, hatte ich bereits vergessen, dass ich im Frühstücksraum des Hotel in Altona saß. Nach zwei Minuten wusste ich, dass der Platz auf der roten Liste gerechtfertigt ist.

Barcamp, VR-Brille, Joachim Sucker

Barcamp, VR-Brille, Joachim Sucker

Auf dem vhscamp konnten einige Kollegen ebenfalls die praktische Erfahrung machen. Mit offenen Mündern, wild um sich schauend, wurde jeder gepackt. Zwei Tage später konnte über Twitter der Kauf der Brille als vollzogen gemeldet werden.

Alles nur ein Spiel? Ja, wahrscheinlich wird die Spieleindustrie und nachfolgend das Pornogewerbe die VR-Brille in ihre Geschäftsmodelle einbauen.

Aber als ich wenige Tage später den von Stefan Will geposteten Link über die Hololens von Microsoft sah, war es vorbei mit der Spielerei.

Die Hololens versetzt uns in einen virtuellen Raum, macht unseren Raum, in dem wir uns befinden zur virtuellen Erweiterung. Das ist noch etwas näher an der „Wirklichkeit“, als die VR-Brille. Die Hololens schottet uns also nicht ab, sondern projizierte virtuelle Dinge oder Menschen in den Raum.

Im Video sehen wir, wie ein Vater virtuell über die Hololens-Brille mit seiner Tochter kommuniziert. Es ist, als ob beide im selben Raum wären. Beide haben in ihrem Zimmer den gleichen Sitzwürfel stehen und es ist für den Vater so, als würde seine Tochter auf dem Sitzwürfel in seinem Zimmer sitzen. Die Tochter kann den Vater hören, sie hat aus pädagogischen Gründen keine Hololens-Brille auf. Schauen Sie bitte ins Video rein.

Und jetzt stellen Sie sich vor, jede Volkshochschule hätte einen Holo-Raum mit standardisierter Einrichtung. 20 Stühle im Raum verteilt. Jeder dieser Holo-Räume ist mit den nötigen Kameras ausgestattet. Jeder Lerner in der anberaumten Konferenz bekommt einen Stuhl zugewiesen. Die Gruppe könnte frei zusammengestellt sein. Einzige Bedingung wäre der Holo-Raum in der Nähe und für jeden eine VR-Brille. Konferenzen, Seminare und andere Treffen wären einem Präsenztreffen schon sehr ähnlich. Nur anfassen ginge nicht, aber das wäre für eine Konferenz nicht das Entscheidende.

Es ist natürlich Zukunftsmusik, doch wenn ich den vielen Fachleuten zuhöre, zweifelt keiner am Durchbruch der virtuellen Realität. Vielleicht werden wir in Zukunft von Präsenz und Holopräsenz sprechen. Meine Phantasie reicht bestimmt auch nicht in den kleinsten Winkel dieser digitalen Präsenz.

Was haben Sie für Ideen? Wie könnte die virtuelle Realität unsere Lernszenarien erweitern? Haben Sie selber schon Erfahrungen mit der Brille gemacht?


Weitere Links:

In der VHS Community auf Google+ hat Stefan Will einige nützliche Infos zu diesem Thema zusammengestellt. (Diese Community ist geschlossen und braucht eine Anmeldung).

Stefan will empfiehlt dort die Pasanomi-Brille für aktuell 33,- €, in Verbindung mit der App vrse

 

12 Gedanken zu “Präsenz, was ist das?

  1. Lieber Joachim, vielen Dank für diesen Artikel.
    Leider konnte ich nicht am vhsBarcamp teilnehmen. Ganz sicher hätte ich diese Brille auch ausprobiert.

    Meine Ideen dazu? Ich hätte das gern zB für den Sprachunterricht. Italienisch lernen und dann gemeinsam nach Rom reisen und die Sixtinische Kapelle besuchen. Dort an einer Führung teilnehmen, auf italienisch, versteht sich.

    Oder Sicherheitstrainings, die mit Hilfe von VR die Realität ungleich „besser“ im Sinne von nachvollziehbarer machen können. Sicherheitsexperten könnten so die Sicherheitskonzepte verbessern.

    Ähnliches gibt es ja bereits auf Plattformen wie Second Life. Dort habe ich mal einen „Küchenbrand erlebt“. Ich musste das dreimal wiederholen, bevor ich das beste Reaktionsmuster im Sinne von Rettung und Sicherung eingeübt hatte. Die Realität wurde einem da schon so nah gebracht, dass es eben auch zu irrationalen Reaktionen kam. Wenn ich mir das mit der VR-Brille vorstelle ….

    Mein Statement lautet: ja, VR kann und wird Lernszenarien verändern.

    Und die Achterbahn lasse ich bei den neuen Erfahrungen aus. Da geht es mir wie Dir, Joachim. 😉

  2. Danke Joachim für den guten Artikel. Ich bin mit virtuellen Räumen hin und her gerissen. Es ist absolut faszinierend und doch ist die persönliche Begegnung so schön. Nun kommt es sehr auf den Anwendungszweck an.
    Für das von dir vorgestellte Szenario sehe ich eine Zukunft. Außerhalb von VHS-Kursen, z.B. bei Meetings in der freien Wirtschaft, ist „anfassen“ oder eben „nicht anfassen“ eher kein Grund für die Ablehnung einer solchen Technologie. Vielmehr zählt Zeit- und Finanzökonomie. Hier wird eine Entscheidung leicht fallen. Unsere Umwelt würde sich zudem sehr freuen, wenn nicht mehr so viel Kerosin oder Benzin wegen Meetings verbraucht würde 😉

    Innerhalb der VHS-Landschaft gibt es aber auch gute Gründe diese Formate anzubieten. Ich bekäme Referenten, die ich sonst nie bekommen würde, auch in das ländliche Deutschland. Ich kann Teilnehmer, die wegen Kinder, zu pflegender Eltern, schlechten Wetters oder Beruf nicht physisch anwesend sein können, sehr nahe an der Realität in den Kursraum „holen“. Ich glaube diese Teilnehmer würden sich über diese Chance freuen.

    Es eröffnet aber auch persönliche Spielräume. Ich habe z.B. Verwandtschaft in Australien und Kalifornien. Skype und Facetime waren eine Revolution für diese Beziehungen. Kombiniert mit Social-Media-Chats war auf einmal das Teilhaben am Leben des anderen wieder möglich. Wir freuen uns auch nach Jahren noch immer über diese Chancen der Verbindung. Wenn dies nun noch auf die nächste Ebene mit Holoportation gehoben wird, weiß ich jetzt schon, dass wir es genießen und lieben werden. In meinem Dorf werde ich meine Freunde aber lieber persönlich treffen, es sei denn, einer liegt gerade im Krankenhaus oder ist auf Dienstreise und will abends doch gerne an unserem Stammtisch teilnehmen – dann werden wir ihn holoportieren (was für ein verrücktes Wort!).

    Für die Bildung sehe ich auch wirklich interessante Möglichkeiten. Ich wollte schon immer mal eine Nacht in den Pyramiden von Gizeh verbringen, wenn nicht gerade noch hunderte andere mir immer im Weg stehen, sich an keine Regeln halten, Selfies von sich und allen an den interessantesten Stellen machen etc. Zu einer kurzen Einführung eines Ägyptologens in die VHS zu kommen und dann in gemütlichen Lernräumen die Pyramiden zu erforschen und bei Fragen den Dozenten zu haben – darauf hätte ich große Lust. Danach tausche ich mich bei einem Getränk mit den anderen aus. Dafür würde ich auch gern bezahlen und mir fallen auf Anhieb noch einige kulturelle Höhepunkte auf der Welt ein, die ich so schnell nicht oder vielleicht auch nie, besuchen werde. Sehr reizvoll fände ich auch im Fußballstadion live dabei zu sein – ach: Rio – Estádio Maracana – 13. Juli 2014 — das würde ich auch nochmal gerne „relive“ auf dem Rasen erleben.

    Du siehst, da gibt es viele Ideen. Mal sehen, was wir davon umsetzen werden. Die VR-Gruppe auf google+ ist jedenfalls begeistert am Probieren (Lernen).

  3. Ich bin erst vor kurzem auf VR aufmerksam geworden als Stefan Will im Rahmen von #ELW in köln War. Ich schwanke zwischen Entsetzen und Chancen. Mal in Ägypten unterwegs sein rein virtuell finde ich prima angesichts der politischen Umstände. Virtuell würde ich auch wieder in die Türkei Reisen, aber nicht real. Ich könnte mir VR auch vorstellen bei Partizipationsprozessen. Die Menschen müssten nicht in unattraktive Räume des öffentlichen Lebens gehen sondern würden öffentliche Räume neu gestalten . Dies wäre für mich ein konkretes Beispiel für creative und designthinking. VR nicht einfach passieren zu lassen sondern aktiv gestalten im ganz klassischen emanzipatorischen Sinne.

  4. Natürlich hatte ich als technikinteressierter Mensch schon von VR-Brille und HoloLens (AR) gelesen bzw. gehört. Wie beim ersten tragbaren Telefon (Aktentaschengröße und 12 kg schwerer Akku) dachte ich auch wieder: wer’s braucht. Ich wollte nie so blöd aussehen, ABER heute auf mein Smartphone verzichten? Nee!!! Alle Kollegen, die die Brille aufgesetzt und probiert haben waren begeistert und sprachlos. Wie wir in Hamburg.
    Die momentanen Dimensionen und Leistungsdaten (Laufzeit, Auflösung, Gewicht, Preis etc.) sind bestimmt nicht massentauglich. Aber in 5 Jahren…wann gab es eigentlich die ersten Tabletcomputer?

    Fantastische Möglichkeiten kommen mir in den Sinn. Was, wenn wir nicht ’nur‘ konsumieren, sondern, entscheiden andere Wege in der VR einzuschlagen? Individualisierte Szenarien mit Interaktion, Spiel- und Lernwege in einer Kugel.

  5. Dass „Präsenz“ nicht mehr bedeuten muss physisch im selben Raum zu sein, ist heute bereits etablierter Definitionsstandard z.B. bei der Definition von Fernunterricht durch die ZfU. Die ZfU unterscheidet vielmehr „synchrone“ und „asynchrone“ Kommunikation. Die zeitgleiche, also synchrone Begegnung von Teilnehmern in einem virtuellen Klassenraum (egal ob total oldschool in einem flachen Internetbrowser oder zukünftig in 3D-VR) wird von der ZfU als „Präsenzunterricht“ angesehen.
    Zunächst einmal bietet 3D-VR all die Vorteile, die bereits seit Jahren durch 2D-virtuelle Räume z.B. per Browser oder Meeting-Software erschlossen sind. Dozenten, die ich sonst nie bekommen würde, Teilnehmer in ländlichen Regionen, Ersparnis von Reisezeit- und Kosten – All dies ist ja bereits seit Jahren möglich und wird dennoch bisher von der Mehrzahl der VHSn längst nicht ausgeschöpft. Vielleicht liegt dies auch daran, dass die 2D-VR der „echten“ Präsenz zu unähnlich ist. Wenn durch 3D-VR die Begegnung in einem virtuellen Raum deutlich näher an ein „echtes“ Präsenzerlebnis heranrückt, kann dies möglicherweise viele Vorbehalte, die auf Seiten der Bildungsanbieter- und Nachfrager noch bestehen, reduzieren. Ich bin sehr gespannt, was 3D-VR mit Bildungsangeboten machen wird.

  6. Virtual-Reality in der Erwachsenenbildung? Vielleicht können wir uns heute den Einsatz noch nicht so richtig vorstellen. Der Schwerpunkt in unserer VHS Arbeit liegt in der Präsenz. Das ist gut so. Wir sind ein Ort des Zusammenkommens, der Kommunikation und des Miteinander Lernens. Neue Hard- und Software beäugen wir gern erstmal kritisch und kramen mehr Gefahren und Nachteile hervor.
    Ich teile gern die Ideen von Stefan Will und denke, lasst uns loslegen!
    Am Donnerstag, zum Zukunftstag für Jungen und Mädchen werde ich in unserer Brillen testen lassen. Mal sehen, was die Kunden sagen.

  7. Ich hatte die Brille auch in Köln zum ersten Mal auf , als Stefan in der VHS war und die ELW vorgestellt hat. Es war unglaublich echt. Ich sehe auch viele attraktive Einsatzmöglichkeiten in Lernszenarien. Virtuell – Präsenz – online – es wird sich hoffentlich alles abbilden in den VHS Programmen. Wichtig ist, dass wir darüber reden, wie wir es einsetzen und gestalten wollen .

    • Darüber reden ist richtig, ich würde mir allerdings auch all diese Tools in den Fortbildungen für Mitarbeiter d Kursleiter wünschen. Reden ist Silber und erleben Gold. Mindestens eine VR-Brille bei jeder Fortbildung einsetzen.

  8. Pingback: Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen - blog.volkshochschule.de

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