Ich wünsche mir …

Gastbeitrag von Saskia Esken
– Saskia Esken ist gelernte Informatikerin. Bei der Bundestagswahl 2013 trat sie im Bundestagswahlkreis Calw für die SPD an und wurde über die Landesliste gewählt. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und im Ausschuss Digitale Agenda und ist als stellvertretende digitalpolitische Sprecherin ihrer Fraktion Berichterstatterin für zahlreiche Themen rund um den digitalen Wandel.
Ein Arbeitsschwerpunkt ist Bildung im digitalen Zeitalter. Als engagierte Politikerin gewann Sie den OER-Award (2016) in der Kategorie Politik (Preis der Jury).

Wir haben Sie nach Ihren Erwartungen an die Volkshochschulen befragt.


Saskia Esken

Saskia Esken

Ich bin hier eingeladen worden, einen Beitrag über die Erwartungen der Bildungspolitik an die Volkshochschulen im digitalen Wandel zu schreiben. Das hat mir übergangsweise eine Schreibblockade eingetragen, denn: Normalerweise wird die Politik gefragt, was sie denn beizutragen gedenke, damit der digitale Wandel gelingen kann. Da geht es dann um die Finanzierung von Personal und Ausstattung, um gesetzliche Rahmenbedingungen oder um zu definierende Bildungsziele und –standards. Und schon während man das hinschreibt, weiß man ja, wie schwierig das werden wird in der Konkurrenz um andere Notwendigkeiten im Haushalt und noch dazu im Gerangel um Zuständigkeiten zwischen den politischen Hoheiten, also den Ebenen und den Ressorts.

Heute soll es aber mal um meine Wünsche gehen – also wünsch ich mir was von der Volkshochschule im digitalen Zeitalter.

Politik beginnt ja bekanntlich, auch wenn man vergessen hat, wer das zuerst gesagt hat, mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Und so erfahre ich an nackten Zahlen aus dem allwissenden Netz, dass die mehr als 900 überwiegend kommunal getragenen Volkshochschulen in Deutschland besser in der Fläche vertreten sind, in der Fläche agieren können als jede andere Weiterbildungseinrichtung und dass ihr Dachverband eine bald 60-jährige Geschichte hat. Aus der eigenen Anschauung vor Ort weiß ich, dass die Volkshochschulen eine große Vielfalt an Bildungsangeboten machen, dass sie aber auch eine große Unterschiedlichkeit aufweisen, was nicht nur mit ihren unterschiedlichen Leitungen, Lehrkörpern und Teilnehmern zu tun hat, sondern auch mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen in Deutschland, also wie es um die Leistungsfähigkeit kommunaler Haushalte bestellt ist und um die demografische Situation.

Noch etwas fische ich mir aus dem Netz: Nach eigener Aussage leiten die Volkshochschulen ihren Bildungsauftrag aus den Prinzipien der Aufklärung und den universalen Menschenrechten ab und stehen für das Recht auf Bildung, für die Möglichkeit zum lebenslangen Lernen und für Chancengerechtigkeit. Ich habe einmal ein bisschen Staub aufgewirbelt mit einem Artikel über den digitalen Humboldt, und insofern liegt es mir auf der Zunge zu sagen: Da ist es ja nicht weit zu einem Bildungsauftrag, allen Menschen die Aneignung einer digitalen Welt zu ermöglichen.

Was braucht es dafür, was müssen Bildungseinrichtungen und damit auch die vhs den Menschen „bieten“, damit der sozialen Spaltung nicht eine digitale Spaltung hinzuwächst, weil nur ganz wenige schon fit genug sind, in der digitalen Zukunft auf der Gewinnerseite zu stehen? Nicht von ungefähr lautet das Motto des Volkshochschultags im Juni 2016 „Digitale Teilhabe für alle“. Und es wird ja jetzt viel über diese Medienkompetenz gesprochen, aber was ist das eigentlich? Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikation (GMK) und die Gesellschaft für Informatik (GI) denken jetzt gemeinsam darüber nach. Es ist dann die Rede von informatischer Grundbildung und wir meinen das Verständnis für die rechtlichen und die technischen Strukturen des Netzes, das Verständnis für Algorithmen und ihre Wirkung, die Relevanz von Datenschutz und IT-Sicherheit – und die Befähigung, das alles aktiv mitzugestalten. Es ist die Rede von einem souveränen und kompetenten Umgang mit dem Wissen dieser Welt, mit der Vernetzung der Menschen, der Institutionen und jetzt auch der Dinge und wie wir das gemeinsam weiter entwickeln wollen.

Ich finde es aber ebenso wichtig, darüber zu sprechen, was Digitalisierung und Vernetzung, was der stete Wandel und sein Verlangen nach Agilität dafür bedeuten, wie wir lernen und wie wir arbeiten. Traditionelle, aber durchaus gebräuchliche Begriffe wie der vom Lehren und Lernen, vom Abhalten von Vorlesungen zeigen ja in geradezu verräterischer Weise auf, woran es da noch mangelt, wenn es doch schon lange nicht mehr um das Weitergeben von Wissen geht, sondern um Kompetenzen und um gemeinsam gestaltete Lernprozesse, die den Individuen und ihren Bedürfnissen, dem individuellen Setting mit seinem Zusammenspiel von Menschen und Bedingungen, aber auch dem Wandel und damit ja auch nur dem aktuell gültigen Irrtum gerecht werden sollen.

Noch so ein gebräuchlicher Irrtum liegt dann in unserer Idee vom Abschluss einer Bildung oder Ausbildung, wo doch weder das eine noch das andere jemals abgeschlossen sein kann – welchen Sinn machen dann eigentlich noch Abschlussprüfungen, auf die wir, auf die sich Lernende mit viel Energie vorbereiten, anstatt sich mit immer wieder mit den sich wandelnden Erfordernissen des Lebens und Arbeitens zu beschäftigen. Ich meine deshalb, die Befähigung und dann die Infrastruktur für das lebenslange oder – wenn uns die Konnotation aus dem Strafrecht nicht so angenehm ist – lieber lebensbegleitende Lernen müsste ganz oben auf unserer Agenda stehen.

Die Volkshochschulen haben dieses „immer weiter“ des Lernens als Weiterbildungseinrichtungen ja schon im Programm. Sie machen unzählige Bildungsangebote, die man unter dem weiter oben ausgebreiteten Begriff der Medienkompetenz fassen könnte. Wie kann es ihnen jetzt gelingen, sich für untypische Lehrende und Lernende, Teilgeber und Teilnehmer zu öffnen, mehr Individualität zu ermöglichen, mehr stete Veränderung und dabei den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu bleiben? Ich würde sagen, Digitalisierung und Vernetzung sind hier nicht das Problem, sie sind die Lösung, denn sie eröffnen Zugänge und ermöglichen die Organisation gemeinsamer und dennoch individualisierbarer Bildungsangebote, besser noch Bildungsprozesse, die umso besser wachsen und sich weiterentwickeln können, je vielfältiger sie in der Fläche zur Anwendung kommen. Gemeinsam entwickelte online-Angebote verbinden ein vernetztes, kollaboratives Lernen mit der ganzen Welt der Volkshochschulen mit der Möglichkeit von Präsenzveranstaltungen ganz nah vor Ort.

Und siehe da, ein letzter Blick ins Netz zeigt, dass ich mit meinem Zukunftsbild, mit meinem Wünsch-Dir-was der Volkshochschule gar nicht alleine bin. Da hat sich – anfangs aus der Notwendigkeit heraus, vhs-Angebote online zu vermarkten und dies besser gemeinsam als jeder für sich zu tun – eine Vernetzung von vhs-Akteuren zusammengetan, die nicht nur das Marketing, sondern auch die Lernwelten der vhs ins Netz bringen und vernetzen wollen und damit beispielsweise mit dem ichMOOC ja auch schon erste Gehversuche und Erfolge aufweisen können. Ach, was träum ich denn da noch? Viel Erfolg, liebe erweitertelernwelten.de!

 

4 Gedanken zu “Ich wünsche mir …

  1. Liebe Frau Esken,

    für eine anfängliche Schreibblockade ist dies ein sehr treffender Beitrag auf unserem Blog zum Volkshochschultag geworden 😉 Vielen Dank!

    Sie beschreiben in sehr klug gewählten Worten unseren Grundsatz in den Erweiterten Lernwelten – den Grundsatz der Sicherung der Teilhabe des Einzelnen an der Gesellschaft. Dafür stehen Volkshochschulen schon lange. Was wir nur leider alle verloren haben, ist die Einsicht, dass neben dem bloßen Erlernen von Techniken (Medienkompetenz etc.) der Aspekt der gesellschaftlichen/politischen Bildung ebenso wichtig ist.
    Erweiterte Lernwelten führen zukünftig nun beide Aspekte zusammen und ermöglichen in einem sicheren Umfeld Techniken der Digitalisierung einzuüben und zu bewerten, digitale Kompetenzen zu erwerben und zu lernen und tragen damit auch zur Überwindung der digitalen Spaltung bei.

    Volkshochschulen sind wie keine andere Einrichtung in diesem Land dafür geeignet eine „digitale Alphabetisierungskampagne“ mitzutragen. Diese braucht das Land in vielerlei Hinsicht.
    Wir werden unseren Beitrag leisten und haben aber nichts dagegen, wenn Sie sich trotzdem Gedanken zur finanziellen oder personellen Unterstützung machen 😉

    Schöne Grüße

    Stefan Will
    Koordinator Erweiterte Lernwelten

  2. Die Kuppelei über diesen Blog klappt ja hervorragend.
    Saskia Esken, eine der digitalen Speerspitzen der SPD und der Mann für die Erweiterten Lernwelten in der VHS laden sich gegenseitig ein, die „digitale Spaltung“ zu verhindern.
    So richtig verhindern können wir die „digitale Spaltung“ wohl nur im Verbund mit vielen Akteuren. Berufsverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Sozialverbände etc.. Wir alle kennen die Veranstaltung des „Digitalgipfels“, wo die gaaaaanz Großen über Breitband, Industrie 4.0 und andere Themen sprechen. Solche Events eignen sich weniger zum Thema der digitalen Alphabetisierung.
    Wäre es nicht schön, wenn wir uns alle zum Gipfel der digitalen Alphabetisierung treffen?
    Darüber sprechen, wie wir in einer wirklichen Breite die digitale Spaltung versuchen zu verhindern?

    p.s.
    Die Friedrich-Ebert-Stiftung kann sicherlich ein guter Gastgeber werden. 😉

  3. Bitte keine Nebelkerzen!

    Saskia Esken schreibt sehr deutlich etwas von
    Informatikkompetenzen
    Stefan Will geht mit _keinem_ Wort darauf ein.

    Dabei hatten die VHS die Informatikzertifikate, eine fundierte Sammlung von hervorragenden grundlegenden Materialien — ich habe sie noch im Keller stehen; z.B. auch ein Sonderheft zur Rationalisierung.

    Heute werden fast ausschließlich *Produktschulungen* angeboten, insbesondere solche für proprietäre Produkte, die richtig Geld kosten und nicht einmal für OpenSource-Produkte.

    • Hallo Herr oder Frau Humbert,

      mir geht es nicht um Informatikkompetenzen und so wie ich Frau Esken verstanden habe, geht es ihr auch nicht im Kern darum. Informatikkompetenzen sind nett, aber normale Grundlage. Dieses Thema ist in der Weiterbildung gut organisiert. Jeder der möchte, kann diese erlangen. (Es sollten natürlich noch mehr tun.)
      Mir geht es um eine Schicht tiefer. Es geht um grundsätzliche „Digitale Kompetenzen“, die zur Teilhabe an einer zukünftigen Gesellschaft benötigt werden. Das hat nicht nur etwas mit Programmieren oder Officewissen zu tun. Es geht um das grundsätzliche Verständnis einer digitalisierten Gesellschaft und deren Mechanismen und hier braucht es Bildung auf der politischen/gesellschaftlichen Ebene.

      Stefan Will

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