Sprung ins Digitale – Bibliotheken

Wie gelingt Institutionen der Sprung in die digitale Teilhabe?

In dieser Reihe wollen wir Institutionen vorstellen, die sich auf den Weg in die digitale Transformation gemacht haben.


Gastbeitrag
: Markus Trapp ist Fachreferent für Erziehungswissenschaften und Sport an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, wo er für die Web-Öffentlichkeitsarbeit und die Social Media Kommunikation der Bibliothek zuständig ist. Seit 2004 Autor des Blogs textundblog.de sowie als Dozent und Autor zum Thema Social Media in Wissenschaft und Bibliothek aktiv.

Bibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung

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Markus Trapp

Wir leben in einer spannenden Zeit. Wir erleben den Wandel von einer analogen zu einer hybriden Wissensgesellschaft, d.h. zu einer Gesellschaft, die sowohl auf analoge als auch auf digitale Informationen zugreift. Wir erleben dies in einem Maße und einer Geschwindigkeit, die gleichsam spannend sind, und doch unlösbar scheinen. Wie Bibliotheken mit dieser Anforderung umgehen, soll Inhalt dieses Artikels sein.

Bibliotheken werden gerne als «Kathedralen des Wissens» bezeichnet. Sie sind aber weit davon entfernt, reine Verwahranstalten gedruckter Informationen zu sein. Sie sind spannende Orte der Wissensbewahrung und -vermittlung, sowohl analog als auch digital. Und Orte, an denen sich Menschen treffen, um alleine oder zusammen zu arbeiten und um Kultur zu erfahren. Eine Zahl, die das eindrücklich belegt: Über 700.000 Menschen besuchen pro Tag eine Bibliothek, wohlgemerkt pro Tag! (Quelle: www.bibliotheksstatistik.de)

Die physische Präsenz der Menschen vor Ort schließt aber das Digitale nicht aus. Im Gegenteil, ohne IT geht in modernen Bibliotheken kaum noch was. Sicher kann man hier und da noch entlang der Regale in Freihandbeständen oder in Lesesälen wandeln (in öffentlichen noch mehr als in wissenschaftlichen Bibliotheken), aber der Großteil der Bestände lässt sich heute nur noch digital recherchieren. Und da kommen wir auch schon zum ersten wichtigen Punkt der Digitalisierung in Bibliotheken: Die Recherche in den Beständen hat sich weg von den Zettelkatalogen hin zu elektronischen Katalogen entwickelt. Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg – kurz Stabi – (wo ich als wissenschaftlicher Bibliothekar arbeite) hat dazu gemeinsam mit weiteren Hamburger Bibliotheken einen Katalog entwickelt, der dieses digitale „Durchstöbern“ der Bestände leichter macht. In unserem Katalog beluga ist es möglich, eine Discovery-Suche zu machen. Das bedeutet, es werden einem auch Treffer angezeigt, nach denen man gar nicht gesucht hat. Ein Katalog, der quasi zur Entdeckungsreise einlädt. Viele Bibliotheken erweitern heute ihre Kataloge hin zu Discovery. Zudem lässt der Katalog dem Recherchierenden immer beide Möglichkeiten, wenn er nach Bücher oder Zeitschriften sucht: er kann wählen, ob ihm elektronische und/oder gedruckte Medien angezeigt werden.

Zweites Kennzeichen des Digitalen bei den „analogen“ Besuchern vor Ort: viele bringen ihre Rechner heute selbst mit: Notebooks und, in zunehmendem Maße, Tablets und Smartphones. Deshalb gehört zur IT-Ausrüstung moderner Bibliotheken neben Rechnern vor Ort immer auch eine ausreichende Zahl von Steckdosen zum Aufladen der Geräte unserer Besucher. Und wenn wir schon bei den unterschiedlichen Rechnergrößen sind, mit denen Menschen heute die Bestände von Bibliotheken recherchieren: es wird immer wichtiger, die Websites responsiv zu gestalten. Keine einfache Aufgabe. Eine Erfahrung, die wir an der Stabi auch gerade gemacht haben: seit März 2016 ist unsere Website stabi.hamburg komplett responsiv.

Bibliotheken müssen sich in ihrer ganzen Angebotspalette mit den Anforderungen des digitalen Wandels auseinander setzen. Dabei gilt es Entscheidungen zu fällen, wieviel gedruckt und wie viel als E-Book gekauft wird. Zeitschriften in Print oder elektronisch? Wie kann man den von unserer Wissensgesellschaft gewünschten Weg hin zu mehr freiem Zugang, zu Open-Access, beratend und unterstützend begleiten. Auch hier wird oft der hybride Weg beschritten. Im Stabi-Verlag, Hamburg University Press, machen wir das so: alle Bücher werden sowohl gedruckt als auch Open-Access veröffentlicht.

Wo wirkt sich die digitale Teilhabe unserer Nutzer noch aus? Ganz klar: in der Kommunikation: Bibliotheken teilen dort nicht nur Informationen mit, sie vernetzen sich mit ihren Nutzern, sie diskutieren mit ihnen und stellen sich auch der Kritik der Öffentlichkeit. Social Media gehört heute zum Pflichtprogramm von Bibliotheken. Die Stabi hat damit sehr früh begonnen. In Kürze, am 6.6.2016, wird unser Stabi-Blog 10 Jahre alt. Ein biblisches Alter für ein Weblog. Seit 2010 gibt es sogar eine eigens eingerichtete Stabsstelle Social Media in unserer Bibliothek, auf der ich die Ehre habe, die Öffentlichkeitsarbeit der Stabi im Web zu koordinieren. Was ich im Rahmen meines Jobs so anstelle, wird ganz gut im Interview bei «Was machen die da?» deutlich. Zu den dort gezeigten Facetten der Arbeit im Netz ist seither noch unsere Aktivität in Instagram hinzugekommen. Die Tatsache, dass Bibliotheken Fotos im Internet zeigen, würde man jetzt auch nicht unbedingt zu den Grundaufgaben dieser Kultureinrichtungen zählen. Wir erreichen damit aber viele – gerade jüngere – Nutzer und wir beobachten dort gleichzeitig, wie diese unsere Bibliothek sehen und nutzen.

Wir nehmen den Bereich Social Media mittlerweile auch so ernst, dass wir seit zwei Jahren ein Recherchemodul «Social Media für die Recherche» in unser Schulungsprogramm mit aufgenommen haben. Dort zeigen wir anhand der Punkte «Finden – Bewerten – Festhalten – Auf dem Laufenden bleiben», wie soziale Netzwerke in die persönliche Suche mit eingebunden werden können. Dabei geht es auch um Unterstützung im Wissensmanagement. Wie kann man all das in sozialen Netzwerken Gefundene mit digitalen Tools festhalten und für die weitere Verarbeitung aufbereiten? Auch das ist eine Aufgabe von Bibliotheken im Rahmen der digitalen Teilhabe. Wendy Stephens spricht im Artikel «How to Teach Internet Research Skills» von Bibliothekaren als «searching coaches».

Darzustellen, was eine Bibliothek wie die Stabi Hamburg an ganz konkreten Maßnahmen realisiert, um das strategische Ziel der Digitalisierung umzusetzen, würde den Rahmen dieses Artikel sprengen. Ich habe neulich eine Mitarbeiterfortbildung gehalten, in der ich gezeigt habe, was man mit den Digitalisaten der Stabi «im wirklichen Leben» alles anfangen kann. Diese Fortbildung für Bibliothekare war im Prinzip eine Fortführung des Werkstattgespräches, das wir im November 2015 im Rahmen der «Nacht des Wissens» an der Universität Hamburg in der Stabi angeboten hatten. Die Folien sind online und die dort vorgestellten Digitalisierungsprojekte (Weltbrand App, Bergedorf-Blog, Coding Da Vinci, Elbspaziergänge) sind in der Präsentation verlinkt.

Hamburger Staatsbibliothek

IFLA News Media Tagung im Lichthof der Stabi Hamburg

Abschließen möchte ich den Überblick über die Bedeutung der Digitalisierung in Bibliotheken mit einem kürzlich aufgenommenen Foto des Lichthofs im Altbau der Stabi. Darauf sieht man die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (rechts) bei der Eröffnung einer internationalen bibliothekarischen Tagung mit dem Titel «IFLA International News Media Conference». Bibliothekare und Informationsexperten aus der ganzen Welt kamen für drei Tage in Hamburg zusammen, um sich sowohl über die Digitalisierung historischer Zeitungen auszutauschen – ein Schatz, den es in vielen Bibliotheken noch zu heben und für die Volltextrecherche aufzubereiten gilt – als auch um Ansätze zu diskutieren, ob und wie aktuelle Medienproduktionen von Bibliotheken gespeichert und für die Nachwelt erhalten werden können. Alle englischsprachigen Papers und Präsentationen stehen auf der Tagungswebsite. Diese Konferenz zeigt beispielhaft, wie sehr Bibliotheken heute sowohl historischen als auch digitalen Themen verbunden sind, und dass dies kein Widerspruch ist. Alte und neue Medien zu erhalten, zu erschließen und dies alles auch für zukünftige Generationen vorzuhalten sind und bleiben die Grundpfeiler der digitalen Teilhabe der Bibliothekswelt an der Fortentwicklung von Wissenschaft und Kultur.

6 Gedanken zu “Sprung ins Digitale – Bibliotheken

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  3. Danke für diesen sehr spannenden Einblick.

    Beim Lesen habe ich mir die Frage gestellt, was das alles für die Mitarbeiter*innen einer Bibliothek bedeutet. Sicher verändert sich ihr Arbeitsplatz auch gerade sehr. Gibt es mehr oder weniger Angestellte in der Stabi in Hamburg als vor – sagen wir – zehn Jahren? Die Ausleihe ist automatisiert, dieser Arbeitsbereich fällt also weg. Was ist noch weggefallen und kommt stattdessen hinzu? Welche Kompetenz eines Bibliothekars kann nicht durch ein Maschine ersetzt werden? Was, glauben Sie, sind die drei Kernaufgaben eines Bibliothekars in 5 Jahren?

    • Liebe Nina Oberländer,
      würde ich Ihre Fragen umfassend beantworten, käme jetzt mindestens ein nochmal so langer Text. Ich versuche trotzdem zu antworten, fasse mich aber kurz:

      Die Veränderung für die Mitarbeiter ist ein zentraler Punkt. Habe dazu meine Masterarbeit geschrieben und schon einige Vorträge gehalten, zu dem Thema Changemanegement (gerade in Bezug auf Bibliotheken) kann man Einiges in meinem Blog nachlesen:
      http://textundblog.de/?p=6655

      Die Stabi hat nur unwesentlich weniger Angestellte (und Beamte) als vor 10 Jahren. Was durch Automatisierung an Arbeiten wegfällt, setzen wir ein, um den Service zu verbessern und unseren Schwerpunkt Digitatisierung besser zu unterstützen. Die Automatisierung hat jedenfalls nicht zu einer Stellenkürzung geführt, sondern eher zu einer Ausweitung der Öffnungszeiten, was von unsern NutzerInnen sehr begrüßt wird.

      Als drei Kernaufgaben schon jetzt, aber auch in 5 Jahren, würde ich nennen:

      1. Erwerbung/Erschließung und Ausleihe von Medien
      2. Schulung/Beratung des Zielpublikums
      3. Bibliothek als Ort der Vernetzung

      Und dies alles, wie in meinem Artikel ausgeführt, sowohl analog als auch digital.

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