Udemy vs. Volkshochschule

Udemy ist eine Online-Kurs-Plattform, die Volkshochschule sehr stark Konkurrenz machen wird. Nicht nur ist das Konzept nahezu gleich. Es ist auch komplett online.

Was ist Udemy?

Mit 40.000 Kursen in 80 Sprachen (davon mehr als 500 auf Deutsch) für maximal 50 Euro bietet Udemy in etwa die Palette von Themen an, die Volkshochschule in der Auslage hat.

Udemy in Zahlen

Udemy in Zahlen

Die Kursleiter*innen sind selbstständig und nutzen Udemy lediglich als Plattform für die eigenen Inhalte. Udemy übernimmt die formelle Prüfung der Angebote, die zu 60% aus Videos bestehen müssen, und das Marketing. Der Verdienst wird anteilig aus den Teilnahmegebühren berechnet. Selbst mitgebrachte Kursteilnehmer*innen sind 100% Verdienst. Eigentlich ist Udemy eine globale Online-Volkshochschule – mit inzwischen 11.000.000 eingeschriebenen Lernenden.

Warum Volkshochschule sich nicht fürchten muss, aber wach bleiben sollte

Volkshochschule bietet mir als Lernender nicht nur Lerninhalte. Ich bekomme einen Lernraum und persönlichen Kontakt zu einer Lerngruppe. Wenn auch die Schwelle höher ist, mich zu überwinden, mich zu einer festen Zeit an einen festen Ort zu begeben, so erhöht dies meine Motivation, dabei zu bleiben. Vorausgesetzt, ich fühle mich dort wohl. Der feste Rahmen gibt mir einen Halt und einen spürbaren Freiraum jenseits meines Alltags. Ich lerne Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen persönlich kennen. Im Zeitalter der Digitalisierung und Virtualisierung ein Bedürfnis, das stärker werden wird. Präsenz wird zu einem Luxusgut, welches man sich gönnt, werden.

Food Automat (c) Nricardo

Food Automat (c) Nricardo

Wie auch das Bedürfnis nach Regionalität. Dem grenzenlosen Surfen im Netz steht das Bedürfnis gegenüber, sich regional verankert zu fühlen. Viele Kleinsthersteller verdienen ihr Geld mit diesem Bedürfnis der Kund*innen nach regionalen Produkten und einem persönlichem Bezug zum/zur Verkäufer*in oder zum Produkt. Dem Online-Riesen Amazon steht der kleine Buchladen um die Ecke gegenüber. Dessen Besitzer meinen Namen kennt und mir nicht nur ein gutes Buch nach meinem Geschmack empfiehlt – das kann Amazon auch -, sondern mit mir auch über Neues aus dem Stadtteil spricht und über das Wetter. Und mir die Bücher persönlich überreicht. Trotzdem schaue ich auch regelmäßig bei Amazon vorbei.

Im kleinen Laden nebenan kann ich Produkte anfassen und mit Menschen von Angesicht zu Angesicht ins Gespräch kommen. Dieses Bedürfnis steigt auch stetig als Ausgleich zum körperlosen Dasein in der virtuellen Welt. Das nährt zudem die stärker werdenden DIY-Bewegung (Do it yourself – Mach es selber). Denn zum Selbermachen brauche ich oft die entsprechenden Werkzeuge und Werkstätten. Diese bieten die mehr als 900 Volkshochschulen mit x-mal mehr Lernorten und Ateliers. Das viel beschworene anwendungsnahe Lernen wird (besonders in handwerklichen Bereichen) durch ein Präsenzangebot besser unterstützt. Ich kann nämlich gleichzeitig die Fertigkeit, die ich lernen möchte, auch (aus)üben.

Und ich kann mich mit Menschen aus meiner Umgebung vernetzen. Soziale Netzwerke gibt es ja nicht nur online. Das Bedürfnis, sozial eingebunden zu sein, gab es lange, bevor Facebook entstand.  Das Gefühl von Intimität und Nähe kann ich virtuell nur verlängern, wenn ich es physisch schon einmal erlebt habe.

Unter Menschen – gemeinsam mit anderen – kann ich nicht nur das Netz als vernetztes Lernen, sondern auch mein Netzwerk von Menschen erweitern. Das persönliche Lernnetzwerk (kurz PLN für Personal Learning Network) im digitalen Raum findet seine Entsprechung in der Lerngruppe vor Ort. Das erklärt auch, warum viele Kursleiter*innen bereit sind, für recht niedrige Honorare bei Volkshochschulen Kurse anzubieten. (Oder kostenlos bei Udemy Kurse anbieten.) Und warum es viele ehrenamtlich Tätige gibt.

Es wird nicht Udemy oder Volkshochschule heißen, sondern Volkshochschule und Udemy. Es sind zwei sich ergänzende Anbieter. Vielleicht sollten wir eher über Kooperationsmöglichkeiten nachdenken, als die Bedrohung zu sehen. Volkshochschule ist nicht die erste Onlinerin auf dem Bildungsmarkt und wird es auch nicht mehr. Muss sie vielleicht auch nicht.

Greenhouse Cafe (c) Jonathan Lin

Greenhouse Cafe (c) Jonathan Lin

Aber Volkshochschule muss einen Blick dafür haben, was unsere Kund*innen brauchen. Und das wird sich ändern. Sicher werden unsere Kund*innen von morgen auch erwarten, uns online zu finden, und das werden wir hoffentlich leisten können. Aber das Internet wird auch das Lernen in der Präsenz ändern. Und das ist unsere größere Herausforderung. Um nur ein paar Dinge zu nennen: Wir brauchen zu allererst WLAN in unseren Häusern. Und noch wichtiger: Menschen, die das Netz und die neuen Bedürfnisse kennen und verstehen. Die diese Bedürfnisse idealerweise selbst verspüren.. Dann brauchen wir Wohlfühlräume zum Lernen, die einen Rückzug vom Alltag bedeuten, die Treffpunkt sind, um sich zu vernetzen, die kreativ sind und zum Machen einladen. Makerlabs, Werkstätten, Leihräume. Auf all das wird es ankommen und noch einiges, was wir jetzt noch nicht wissen. Dazu Lerncoaches, die sich gut auskennen in der Bandbreite der Möglichkeiten – und mir vielleicht sogar einen Udemy-Kurs empfehlen.
Oder wie sehen Sie das?


Mehr zum Thema:
Karlheinz Pape hat sich Udemy genauer angeschaut und mit Jan Belke, Head of Germany Market bei Udemy gesprochen. Die Beiträge sind auf seinem Blog https://khpape.wordpress.com

Werner Sauter schreibt über die Neuausrichtung der betrieblichen Bildung und bezieht Anbieter wie Udemy in seine Vorschläge mit ein. Im https://colearnall.wordpress.com/2016/03/19/geschaeftsmodell-fuer-die-ueberbetrieblichen-bildungsanbieter-der-zukunft/

17 Gedanken zu “Udemy vs. Volkshochschule

  1. Liebe Nina,

    du wolltest, dass ich widerspreche, mach ich aber nicht 🙂 Ich denke auch, dass Volkshochschulen weiterhin existieren werden und natürlich nicht alles online abgebildet wird. Selbst ich habe beim VHScamp16 gesagt, dass Töpfern und Kochen wird in der VHS bleiben. Interessanter wird es aber sein, wie es weitergehen wird. Laut Statista stagnieren die Belegungszahlen der VHS http://de.statista.com/statistik/daten/studie/30301/umfrage/belegungen-der-volkshochschulkurse-im-jahr-seit-1962/ und die durchschnittliche Kursgröße beträgt 11 Teilnehmer. Insgesamt sind das 6,4 Mio. Belegungen pro Jahr. Udemy hat 40 Mio. und oncampus hatte mit mooin 33.000. Die VHS machen knapp 50% des Umsatzes mit Sprachkursen (Quelle Statista) und das einzige was wir beide machen müssen ist, uns diese Zahlen in 5 Jahren noch einmal anzuschauen 🙂

    Ich hatte auch in meinem Blog-Bericht geschrieben, dass wir alle Tante Emma Läden lieben, leider machen die alle dicht, weil Liebe nicht die Miete zahlt. In Lübeck haben letzten Monat drei kleine Läden dicht gemacht und ich habe alle drei geliebt und war trotzdem in keinem einkaufen.

    Dabei gibt es genug Raum, den VHS ausfüllen könnten, z.B. Makerspaces. Aber das Thema ist schon weg, dass wurde genauso verschlafen, wie die digitalen Angebote. Und wenn man dann kritisch auf die Abbrecherquoten von Online-Kursen zeigt, sollte man auch hier mal auf die eigenen Abbrecherquoten schauen und auch die eigenen Qualitätsansprüche transparent zeigen.

    Auf jeden Fall ist es im Moment unglaublich spannend und man muss sich bewegen, sonst holt einen die Zukunft ein. Immerhin entdeckt das Silicon Valley gerade Präsenzkurse als neues Qualitätsmerkmal und bezeichnet das als Turbo-Learning und im Gesamtbereich, macht Online-Lehre nur 1-5 Prozent des Marktes aus. Also wahrscheinlich bleibt alles, wie es ist 🙂

    • Ja, du hast Recht: Liebe zahlt die Miete nicht. Und deswegen wird sich die ganze Bildungslandschaft verändern. Um beim Tante Emma Laden und den handgemachten, regionalen Produkten zu bleiben. Es gibt natürlich auch Etsy und Dawanda – die kleinen Online-Läden dort sorgen auch für das Gefühl einer persönlichen Note und das wird sicher vielen reichen.

      Zu den Makerspaces: Wenn ich mir zB http://craftspace.de ansehe, frage ich mich ob wir VHSn da nicht auch gerade etwas verschlafen in der DIY-Szene (das ja seit jeher unser Steckenpferd ist).

      Die sinkenden Anmeldezahlen werden hoffentlich zu einer Haltungsänderung in der VHS Landschaft führen. Im Moment heißt es ja noch – wie wir auch auf dem vhscamp16 hören durften, dass Präsenz gleich gute Qualität ist und im Gegenzug online Angebote schlechter sein müssen. Ich glaube unsere Kund*innen interessiert diese (unsere) Haltung nicht, die werden zu Udemy gehen, wenn es ihnen dort besser passt. Oder zu mooin. Und wenn sie dort den MOOC nur zu Hälfte machen, dann ist das auch so – und sie sind trotzdem erstmal bei mooin und nicht bei VHS. Oder eben bei beiden. Sie werden sich ihren Mix zurecht suchen. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen.

      Anders als Du, denke ich, nichts wird bleiben wie es ist. Alles wird anders – es ist nur die Frage: wann? Und – wer dann noch übrig sein wird. 🙂

  2. Auf die Idee hätten wir auch selber kommen können. Eigentlich fehlen uns „nur“ gut gemachte Videokurse, dann könnten wir unsere Programmangebote ergänzen und die Videos auf unseren Plattformen online stellen. Nichts anderes machen wir auch bei klassischen Webinaren. Zurück zum alten Telekolleg, diesmal mit laufenden Bildern. Vielleicht sollten wir unseren Dozenten einfach die Möglichkeiten bieten, solche Videos bei uns einzupflegen und sie wie bei udemy am Umsatz zu beteiligen.
    Zusätzlich: Die Konzeption von Dozentenfortbildungen, die die Erstellung von solchen Lernvideos zum Inhalt machen, könnten doch von unseren Landesverbänden entwickelt werden. Vielleicht führen wir dabei uns und unsere Dozenten zu neuen Geschäftsfeldern.

    PS: Meine Generation hatte in Rheinland-Pfalz Fernsehmathematik (Mengenlehre etc.). D.h., wir haben jede Woche 5 Stunden im Unterricht Fernsehen geschaut (SWR) und Mathematik vermittel bekommen mit einer Unzahl von Arbeitsmaterialien, um den Unterricht auch nachbereiten zu können. Wurde nach einer Weile eingestellt. Ist wohl grandios gescheitert. Will heißen: Alles war schon mal da, aber die Nutzergepflogenheiten ändern sich gerade rapide, darauf müssen wir in der Zukunft eine Antwort haben.

  3. Vom barcamp und der lebhaften Online-Diskussion nehme ich den Eindruck mit, dass viele VHSn derzeit Ihre „Rolle“ bzw. ihre Marktnische suchen.

    Ich möchte die Perspektive aber einmal etwas verändern:

    Wird es immer Bedarf an Präsenzkursen geben? Ja.
    Werden VHSn auch Online-Angebote/VR-Angebote haben? Ja.

    Aber ist Präsenz vs. Online überhaupt die entscheidende Zukunftsfrage für VHSn? Oder nicht vielmehr:
    Werden 900 einzelne, eigenständige VHSn im Wettbewerb des Bildungsmarktes bestehen?

    Sobald es um kostenpflichtige Angebote geht, die eine gewisse Marktnachfrage haben, hat sich die VHS schon immer im Wettbewerb mit anderen Anbietern befunden. Gesundheitskurse gibt’s auch im Fitnesstudio, Buchhaltungs- und Excelkurse gibt die Kammer und die private Wirtschaftsakademie, Sprachkurse bieten kommerzielle Sprachschulen, Kammern und andere Anbieter …

    Der Wettbewerb wird nun um Online-Anbieter erweitert und verändert sich damit fundamental. Aber nicht weil die Online-Anbieter ein ähnliches Angebot wie die VHSn haben (das hatten Kammern und andere Bildungsinstitute bisher ja auch), sondern weil hinter diesen Online-Anbietern zumeist international agierende Unternehmen stecken, die in der Lage sind mit großen Marketingbudgets und entsprechend wirkungsvollen Kampagnen innerhalb kürzester Zeit den deutschen Markt zu „erobern“ . Erfolgreich wird nicht mehr der Anbieter, der das beste/preiswerteste/nahegelegenste Angebot hat – sondern der Anbieter, dessen Angebot am bekanntesten ist, der im Internet top-auffindbar ist, suchmaschinenoptimiert, der das Internet mit Banner-Kampagnen überschwemmt, wie die die WBS, der Werbung vor der Tagesschau macht, wie babbel.

    Es mag alten Präsenz-Hasen ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern, wenn das Silicon Valley Präsenzunterricht entdeckt. Das ist aber gar nicht der Punkt. Was wird geschehen, wenn das Silicon Valley entdeckt, dass die Einrichtung von Vor-Ort-Lernzentren den wirtschaftlichen Erfolg von Online-Lernangeboten in Deutschland erhöht? Werden dann ganz schnell viele solcher Lernzentren in Deutschland entstehen – und durch massive Kampagnen bekannt gemacht? Vielleicht direkt neben einer VHS?

    Kann die einzelne VHS gegen diese Marketing-Power von Internet-Konzernen noch ankommen? Reicht es, die Programmhefte zu reformieren und die eigene Webseite zu verbessern? Wie müssen sich 900 bisher eigenständige und unabhängige VHSn zukünftig vernetzen, koordinieren, abstimmen, vielleicht sogar Kompetenzen an eine gemeinsame Holding abgeben?

  4. Teilnehmerstatistik, da vertraue ich lieber der DIE-Seite, die direkt von den Volkshochschulen beliefert wird.
    http://www.die-bonn.de/doks/2015-volkshochschule-statistik-36.pdf

    Interpretationen sollten hier nicht zu pauschal betrieben werden. Im Bereich der Fremdsprachen, der Säule aller Volkshochschulen, sind die Entwicklungen schwierig. Zu viele junge Menschen können bereits Englisch, wenn sie aus der Schule kommen. Da wird sich bereits vieles selbst beigebracht und die Zahlen von Babbel und anderen Online-Anbietern sollten uns aufhorchen lassen. Näheres auch hier:

    http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/startups/article137022345/Berliner-Sprach-App-Babbel-erobert-den-US-Markt.html

    Erste Volkshochschulen werden jetzt Kooperationen mit einem Italienisch-MOOC (Massiv Open Online Course) eingehen. Auch hier bin ich gespannt.

  5. fragen wir doch mal andees herum: wenn wir uns die VHSen neu schnitzen könnten: wie würden sie aussehen? ich denke, “VHS“ wäre ein angebot in co-learning/working-häusern, die es in allen kleinzentren und höher geben würde. idealer weise ist dort auch eine bibliothek, besprechungsräume usw. “VHS“ ist dann sowas wie udemy für blende- und präsenzangebote. im prinzip kann jede/r dozent/in etwas anbieten, die leute stimmen dann mit den füßen & eyeballs ab. vielleicht entwickelt die zentrale VHS kursformate und zertifikate, die leute überall in D brauchen, in einer art von versuchsküche: also zb grundbildung, pflege, u.v.a. themen. regionale VHSen entwickeln programme, die dann wieder von koop-teams und einzeldozenteb frei gefüllt werden (wie deutsch für flüchtlinge, betriebsführung für schlecker-freigesetzte, netzökonomie für prekäre freiberufler und kleinen handel, handwerk usw.) wiederholte angebote könnte man eine qualitätsprüfung von reisenden testern einführen. (wie bei restaurants oder b&b, objektivierbare kriterien.) undsoweiter. das alles jedenfalls immer bottom-up konstruiert.

  6. Hallo zusammen,
    heute war ich seit längerer Zeit mal wieder in einem von diesen Präsenz-Amazongeschäften. Buchladen heissen die glaub ich. Ich war verblüfft, wieviel vhs-Content es da gab. Die DIY-Literatur unüberschuabar, Kochbücher mit allerlei Geschichten dazu, annähernd kilometerweise, Deutschlernbücher auf Stapeln. Und auch Literaturliteratur gab es, also Romane und so etwas. Die analoge Buchbranche hält sich – allen Unkenrufen zum Trotz – umsatzmäßig auf hohem Niveau. Und wer sich in der Branche umschaut, der entdeckt, dass neben den ganz Großen mittlerweile auch wieder neue kleine UmdieEcke-Buchläden eröffnen. Mit Internet natürlich, wo man direkt vom Laden aus seine Bücher bestellen kann. Und mit Autorenlesungen und mit Exlusivberatung von Enthusiasten, die selber viel und gern lesen. Und mit toller Website, auf der man sich vor der Autorenlseung schon intensiv mit den Rezensionen des Buches beschäftigen kann.
    Der Wert des Physischen ist unbestritten und in den vorher gehenden Beiträgen gut beschrieben worden: das Soziale, klar, das Haptische und das Überschaubare. Und wie sozial ist das Internet? Ich erinnere mich noch gut an den vhsMooc im Herbst 2013. Viele Teilnehmende hatten sich dort virtuell kennengelernt. Der Wunsch am Ende des Moocs: sich auch in „Echt“ begegnen. Es entstand die Idee, ein vhsBarcamp durchzuführen, in Köln, wo sich dann so manche Teilnehmer/innen des Mooc zum ersten mal physisch begegneten. Ich erinnere Szenen, wo sich Leute in die Arme fielen, die sich nie zuvor „in Echt“ gesehen hatten. Und ich erinnere auch, wie fasziniert viele Teilnehmende waren, dass das Barcamp mit seinen spannenden Themen so intensiv virtuell begelitet wurde.
    Das Coole am Internet ist, dass – wenn es gut gestaltet ist – Sozialität schafft, virtuelle und anlaoge. Und das Coole am Nicht-Internet ist, das es – wenn es gut gestaltet ist – auch Sozietät schafft, virtuelle und analoge.
    Udemy ist bis jetzt nicht gut gemacht. Ich war heute mal auf der Seite zum Schnuppern wie man so schön sagt. Klar: tolles Header-Foto und ganz gut aufgebaute Seite. Lächelnde junge Leute hier und da, ansprechende Dozentenportraits. Es macht auf den ersten Blick schon Lust, sich zu registrieren und seine Daten abzugeben.
    Dann die Contents: für 20-30 Euro 60-90 min „Englisch“ oder „Rücken“ oder etwas anderes. Aufgeteilt zumeist in Videohäppchen, one to many, wie früher beim Fernsehen. Habe mir dann einige Demos angeschaut und war gelinde gesagt ziemlich entsetzt aufgrund der Qualität der Videos. Habe dann versucht, ähnliche Contents bei youtube zu finden, was mir innerhalb kürzester Zeit gelang, gratis natürlich, nur besser gemacht. Es gibt auch Angebote, die die Udemy-Dozenten gar nicht können: politische Bildung zum Beispiel oder Bürgerdialoge.
    Jetzt kann man lange hin- und her überlegen, ob solche Angebote eine Konkurrenz zur vhs sind. Konkurrent zur vhs ist ja ganz viel: Fitnesstudios, Sportvereine, private Sprach- und Kunstschulen, Akademien für berufliche Bildung, Theater, Kinos, Konzerte, Bibliotheken, Museen – der Freizeit- und Weiterbildungsmarkt ist in den vergangenen Jahrzehnten regelrecht geboomt, analog und virtuell. Die vhs-Statistik zeigt insgesamt über die letzten Jahre Konstanz, Imageanlysen zeigen ein hohe Zufriedenheit mit dem pädagogischen Setting und mit den Preisen. Die Konstanz ist natürlich nicht über alle Bereiche zu verzeichnen, wachsend sind die Gesundheitsbildung und der Deutschunterricht, andere Felder bleiben gleich oder gehen zurück. Also eigentlich Normalität im Produktportfolio.
    Das darf allerdings nicht heißen, dass wir uns zufrieden zurücklehnen können. vhs wird sich in den kommenden Jahren in ihren Lernsettings verändern müssen und Digitalisierung wird eine der wesentlichen Triebfedern sein. vhs-Präsenz wird durch Digitales erweitert (nicht vorrangig ersetzt) und Digitalität wird durch vhs-Präsenz erweitert. Wie kann das aussehen: Stelle mir zum Beispiel vor, dass die vhsen in Deutschland eine Riesenaktion machen unter dem Titel „100 Jahre Internet“. Funktioniert so: Jüngere Freiwillige tauschen sich mit älteren Freiwilligen über die Chancen und Tücken des Internets aus, mit Hilfe des Internets natürlich. Zuerst. Später tauschen sie sich über viel mehr aus. In Tandems. Die Tandems werden von der vhs zusammen gebracht und sind zusammen immer (ungefähr) 100 Jahre alt. Von solchen Kombinationen profitieren erfahrungsgemäß nicht nur die Âlteren. Und die Jüngeren oder die Älteren können natûrlich auch Syrer sein oder Schweden oder Behinderte. Ungewöhnliche Begegnungen arrangieren. Das wäre ein Job der vhs, und das wâre auch ein guter Rahmen für poltiisch-gesellschaftliche Bildung. Und zwischendurch arrangiert die vhs in der vhs gemeinsame Foren für alle 100jährigen Tandems. Dann gehts weiter. Die Erfahrungszirkel öffnen und weiten sich, aus 3 Tandems bildet sich vielleicht eine Kochgruppe, die natürlich ûber ihre Kochevents und über ihre Rezepte im Netz berichtet. Und die vhs kûrt das Kochvideo des Monats. Und lädt den besten Koch ein, für den vhs-Chor beim nächsten Konzert ein kleines Buffet zu machen. Der ist von den Liedern so begeistert, dass seine Kochgruppe das nächste Mal im Chor mitsingt. Und natürlich dafûr sorgt, dass das Chorvideo ins Netz kommt, um es den Verwandten und Freunden in Übersee zu zeigen. Und wie es dann weiter geht, könnt Ihr Euch vielleicht zusammen fantasieren.
    Daneben entstehen, wie Martin Lindner es beschrieben hat, vhs-Co-Learning-Räume, in denen vielleicht Menschen mit ähnlichen Interessen unter analoger und virtueller Lernbegleitung in 4 Wochen eine GER-Stufe lernen. Auch hier fungiert vhs als Antreiber, Makler, Contentexpertin, als Lerngestalterin.
    Was Udemy auf dem Feld zu bieten haben wird, ich kann es nicht abschätzen.
    Udemy gab es übrigens schon einmal, mit genau dem gleichen Konzept, es hieß „Google Helpouts“ und wurde aufgrund von Erfolglosigkeit vom riesigsten Riesen im letzten Jahr wieder eingestellt.
    In diesem Sinne: gelassen bleiben, gut beobachten und immer wieder (rechtzeitig) initiativ sein.

    • Ja, Christoph, Begegnungen organisieren und moderieren sehe ich auch als Stärke und Zukunftsfeld von Volkshochschule. Aber ich höre auch Kursleitungen, die dies digital und online tun wollen. Da sehe ich von Volkshochschule noch zu wenig Aktivität dies zu unterstützen. Angefangen damit, wie wenig Verständnis es dafür gibt, dass online Arbeit auch bezahlte Arbeit sein muss bis dahin, dass Volkshochschule keine Möglichkeit (technisch und Know-How) dafür bietet. Die Kursleitende müssen das in Eigenregie mit eigenen Ressourcen bewerkstelligen. Was können wir diesen Menschen als Volkshochschule anbieten, dass sie ihre Inhalte auch weiterhin gut über uns anbieten?

  7. Hallo Nina,

    vielen Dank für diesen Blog Beitrag. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger und ich denke, dass es genügend Platz für mehrere Anbieter in diesem Wachstumsmarkt gibt. Daher ziehen Volkshochschule und Udemy am selben Strang, und ich glaube nicht es ist einer gegen den anderen.

    Ich gebe dir Recht, dass Udemy die Volkshochschulen in ihrer jetzigen Form nicht ersetzen wird. Präsenzveranstaltungen bieten Möglichkeiten der Kollaboration und Interaktivität, die mit einem Online-Kurs nicht so leicht umzusetzen sind. Auf der anderen Seite wird auch Udemy sich weiterentwickeln. Es gibt viele Ideen, die über das derzeitige Medium on-demand Video hinausgehen. Und Technologien wie Virtual Reality bieten sogar ganz neue Möglichkeiten das digitale Lernerlebnis zu erweitern.

    Im Weiterbildungsmarkt gibt es unterschiedliche Zielgruppen und Themengebiete. Daher glaube ich an eine Koexistenz von Volkshochschulen und Udemy. Aber ich denke auch, dass es für Dozenten Sinn macht der digitalen Weiterbildung offen gegenüberzustehen. Mit einem Online-Kurs kann ein ganz neues Publikum angesprochen werden, welches sich unabhängig von Zeit und Ort fortbilden möchte.

    Ein gutes Beispiel ist Udemy Dozent Rohit Mathur, der Kurse zu Gesundheitsthemen anbietet. Der ausgebildete Osteopath betreut Patienten in seiner Praxis in Hamburg, aber erreicht mit Online-Kursen auch Menschen, die nicht vor-Ort sind oder keine Zeit für einen Praxisbesuch haben.

    Das Potential im Bereich der digitalen Bildung ist enorm und ich gehe davon aus, dass die Volkshochschulen wie auch Udemy davon profitieren werden. Und vielleicht gibt es sogar Möglichkeiten dabei enger zusammenzuarbeiten.

    Jan Belke
    Head of German Market
    Udemy, Inc.

    • Hallo Jan,

      danke für deine Einschätzung. Ich glaube auch, dass das Feld des Lebenslangen Lernens Platz für Udemy und VHS gemeinsam hat und für noch viele andere. Für mich ist es eine Frage des Adaptierens. Udemy wird VHS nicht ersetzen. Aber Udemy (als Symbol für die Möglichkeiten, die online Lernen bietet) und das Netz werden das Lernen insgesamt verändern. Lernen wird nicht mehr Lernzielorientiert mit Vorgaben von Dozent*innen, die einem festen Curriculum (welches über Jahre gleich bleibt) und festgelegten Methoden folgen, funktionieren. Wie ich mir Lernen in 10 Jahren genau vorstellen soll, weiß ich noch nicht. Aber wir werden uns bewegen und beweglich bleiben müssen. VHS wie auch Udemy.

      Ich hoffe sehr, dass wir bei den nötigen Entwicklungen von einander lernen können.

  8. In der Kürze trotzdem eine differentierte Betrachtung von @christophkoeck

  9. Pingback: Udemy vs. Volkshochschule | weiterbildungsblog

  10. Danke für die interessanten Beiträge und Denkanstöße in diesem Blog. Genau das brauchen wir , wenn wir die aktuelle Entwicklung kritisch begleiten und für die Angebotsentwicklung an Volkshochschulen nutzen wollen .
    Ich bin u.a.für Fotografie zuständig. Viele der Inhalte kann man online vermitteln und man muss nicht lange suchen u.a.bei udemy, um Einführungskurse zu finden. Trotzdem laufen die Kurse nach wie vor gut und ich denke das liegt u.a. an der bildbesprechung im Präsenzunterricht.
    Wir sollten genau hin schauen , in welchen Bereichen wir mehr zu bieten haben als reine online Formate und das herausstellen . Gleichzeitig müssen wir flexibler werden : denjenigen , die sich die Inhalte online aneignen möchten ,bieten wir Tutorials an, diejenigen die nicht Samstag um 11 Uhr an der Exkursion teilnehmen wollen oder können bekommen die Koordinaten für den ExkursIons Ort und gehen hin , wann es ihnen passt . Das machen wir bereits in einem Kurs und es funktioniert gut Alle kommen aber zur Bildbesprechung zusammen. … und : die Tutorials müssen professionell sein und es spricht alles dafür, dass sich hierfür mehrere VHS en zusammen tun . Wie sollten insgesamt viel stärker über neue Kooperationsstrukturen nachdenken .

  11. Aber Volkshochschule muss einen Blick dafür haben, was unsere Kund*innen brauchen. Und das wird sich ändern. Sicher werden unsere Kund*innen von morgen auch erwarten, uns online zu finden, und das werden wir hoffentlich leisten können. Aber das Internet wird auch das Lernen in der Präsenz ändern. Und das ist unsere größere Herausforderung. Um nur ein paar Dinge zu nennen: Wir brauchen zu allererst WLAN in unseren Häusern. Und noch wichtiger: Menschen, die das Netz und die neuen Bedürfnisse kennen und verstehen.

    Als Dozentin an einer VHS-ähnlichen Einrichtung sehe ich das als einen entscheidenden Punkt. Das neue Lernen hat schon längst begonnen, nur bei vielen VHSen scheint das noch nicht angekommen zu sein.

    Präsenzunterricht ist großartig und wird von vielen Lernenden nach wie vor geschätzt, nur sollte es durch die Möglichkeiten, die das Internet und E-Learning heutzutage bieten, ergänzt werden. Stichwort: Blended Learning. Hier sehe ich für die VHS eine große Chance.

    Den digitalen Anschluss schafft sie aber nur, wenn sie sich beeilt. WLAN in den Kursräumen sollte 2016 zum Beispiel wirklich eine Selbstverständlichkeit sein, ebenso wie eine nutzerfreundliche, zeitgemäße Online-Plattform, auf der sich Kursteilnehmer und Dozenten auch ausserhalb der Präsenzstunden austauschen können.

    Ich bin internet-afin und experimentierfreudig und habe selbst eine eigene Online-Diskussionsplattform entwickelt, die ich als Ergänzung zum Präsenzunterricht nutze. Die meisten Kollegen dürften diese Möglichkeit nicht haben. Die VHS braucht aus meiner Sicht dringend Leute, die die Problematik erkennen und für frischen Wind sorgen können.

  12. Präsenz vs. WebLernen? Digitale vs. analoge Tools? Es gibt was dazwischen, es kann sich auch ergänzen…

    Kurz zum Setting, bei dem wohl kaum jemand an virtuelle Treffen denken wird: Wir von der vhs Straubing bieten (in Kooperation mit den vhs’n Karlsfeld und Landshut) die http://www.vhs-FotoReise.de nach Marokko an – eine Anmeldung gibt es aus Sachsen-Anhalt, der ReiseLeiter weilt zur Zeit in der Türkei.
    Ein VorbereitungsTreffen war ausgeschrieben, sollte sich die Gruppe doch vorab kennenlernen können und dabei auch Fragen zur Reise, zu Land und Leuten und zur Ausrüstung besprochen werden können.
    Für die meisten Teilnehmer, den FotoTrainer und den ReiseBegleiter aus Niederbayern war ein Treffen in Straubing kein Problem – Stendal und Antalya sollten/wollten aber virtuell eingebunden werden.

    In der Woche vorher habe ich mit beiden (noch gänzlich unerfahrenen) Leuten dann Tests unter http://www.appear.in gemacht – siehe da, es war kein Problem (ausser dass sich die iOS-App nicht verbinden konnte, warum auch immer) und auch die Bildschirmfreigabe mit meinen Fotos klappte im Test.

    Am Samstag kamen also die „präsenten“ Teilnehmer nach und nach in unseren schönen vhs-Raum und auch die beiden Auswärtigen waren schnell eingebunden – leider war die Leitung nach Sachsen-Anhalt instabiler als die in die Türkei, so dass immer wieder mal neu connected werden musste (was die Dame aber meisterte).
    Wir konnten uns so gegenseitig sehen und hören (dank Sennheiser SP20 Speakerphone und Beamer sehr gut möglich – für die „präsenten“ TN vor Ort war es natürlich genauso #Neuland) – auch die Fotos aus Marokko konnten wir uns gemeinsam ansehen – alle waren zufrieden…

    Genauso wie wir auf unserer FotoReise dann viele digitale Gadgets (Kameras, Laptops, Tablets, offline-Navi auf dem Smartphone, eBooks…) dabeihaben werden und das Internet vor Ort nutzen werden, werden wir dazu auch parallel und selbstverständlich analoge Tools (Karte, Reiseführer, Kofferwaage…) nutzen – warum also Präsenz und WebLernen/ELW immer nur als Gegensatz sehen? 

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