Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen

Tobias Schwarz hat in seinem Gastbeitrag die VHS in Frage gestellt. Christoph Köck hat die Rolle der VHS als Moderator betont. Wir haben hier über Präsenz geschrieben, die neuen digitalen Möglichkeiten für Kursleitungen und vieles mehr.

In vielen Beiträgen wird deutlich, dass die Volkshochschulen zukünftig mehr als pure Kursveranstalter sein sollten. Wir haben externe, wie interne Fachleute zu Wort kommen lassen. Die Sicht von außen kann Perspektiven verdeutlichen, auch in der aktiven Auseinandersetzung. Hier setzt ein weiterer Gastbeitrag von Jöran Muuß-Merholz an. Die Redaktion hofft auf einen erneuten regen Austausch zur Zukunft von Volkshochschulen.


Gastbeitrag von Jöran Muuß-Merholz – er ist Diplom-Pädagoge, Dozent, Autor, Berater, Inhaber der Agentur J&K – Jöran und Konsortien. Er hat Volkshochschulen in einigen Veranstaltungen begleitet und u.a. für den ichMOOC konzeptionell gearbeitet.

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem im Sommer 2016 erscheinenden Sammelband, für das Jöran Muuß-Merholz einen Beitrag zur Zukunft des Lernens beiträgt. Der Text ist eine Retrospektive aus dem Jahr 2041 auf die Entwicklungen der Bildungslandschaft bis dahin.


Jöran Muuß-Merholz

Jöran Muuß-Merholz

… Für viele Bildungseinrichtungen wie für die Volkshochschulen sah es eine Weile so aus, als würden sie nicht mehr gebraucht werden. Erst allmählich lernte die Gesellschaft, dass die Bildungshäuser eine ganz andere Funktion erfüllten, als man rational angenommen hatte. Die Volkshochschulen hatten zuerst damit reagiert, selbst Online-Angebote zu machen. Der Erfolg war überschaubar. Es gab einfach schon so viele gute und günstige Angebote im Netz, dass die Volkshochschulen dort schlicht nicht gebraucht wurden. Auf dem Kongress „Erweiterte Lernwelten“ des Bundesverbandes der Volkshochschulen 2022 wurden dann die „Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen“ beschlossen. Viele kritisierten das Papier zunächst als banal. Aber grundlegende Dinge klingen oft banal, und letztlich gab der Erfolg den Volkhochschulen Recht. Ihr Ansatz wurde in der Folge von anderen Bildungseinrichtungen aufgegriffen und führte zu einer Renaissance von Lernorten, an denen sich Menschen vor Ort treffen konnten. Die neun Thesen von 2022 sind im Folgenden dokumentiert und hinsichtlich ihrer Auswirkung kommentiert.

Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen

(beschlossen auf dem Kongress „Erweiterte Lernwelten“ 2022)

  1. Menschen mögen schöne Räume. Und guten Kaffee.
    Wir können im digitalen Zeitalter zwar immer und überall arbeiten und lernen. Wir wollen aber gerne an schönen, bequemen und einladenden Orten arbeiten und lernen.

Einige Volkshochschulen erzielten große Erfolge, indem sie ihren Cafébereich erweiterten und darauf auslegten, dass Menschen sich dort auch über Stunden hinweg aufhalten konnten. Verschiedene Sitzgelegenheiten, angenehmes Licht und eine ruhige Akustik, Zugang zu Strom und WLAN und auch guter Kaffee gehörten dazu. Außerdem wurde den Menschen immer vermittelt, dass sie willkommen waren und nicht, dass man nach dem Leeren der Kaffeetasse erwartete, dass sie demnächst gehen würden. In der konkreten Gestaltung solcher „Lern-Cafés“ ließ man sich von Caféketten wie Starbucks inspirieren, wo das Konzept schon länger erprobt worden war – auch wenn es dort zunächst nicht explizit mit Lernen in Verbindung gebracht wurde.

2. Menschen mögen sich jenseits von Bildschirmen treffen – „im echten Leben“.
Lange hat man geglaubt, dass die „Digital Natives“ sich gar nicht mehr „in echt“ treffen wollen. Das war ein Irrtum.

Ausgangspunkt des Umdenkens in dieser Frage war eine Doktorarbeit des Informatikers und Medienbildners Matthias Andrasch aus dem Jahr 2020. Seine Ergebnisse wurden von mehreren Medien aufgegriffen und in die Breite getragen. Andrasch hatte verschiedene Veranstaltungen untersucht, auf denen sich diejenigen trafen, die als „besonders netzaffin“ galten. Programmierer und Nerds, Netznomaden und Hacker. Er fand heraus, dass diese eigenen Formen von Treffen er- und gefunden hatten, beispielsweise „Barcamp“ genannte Unkonferenzen, spontane „MeetUps“ zu festgelegten Themen, „Hackathons“ zum gezielten Arbeiten an einem Projekt. Beim jährlichen Treffen des Chaos Computer Clubs kamen jedes Jahr 10.000 Menschen zusammen. Und für die alltägliche Arbeit sprossen allerorts „Co-Working-Spaces“ aus dem Boden. Diese kollektiven Großraumbüros dienten der Vernetzung, aber auch schlicht der Selbstdisziplinierung. Die Volkshochschulen schufen entsprechende „Co-Learning-Spaces“ – eine Mischung aus Bibliotheken und Starbucks, an denen Menschen nebeneinander und miteinander lernen konnten. Außerdem begannen sie damit, ihre Veranstaltungsräume verstärkt für Lernangebote zur Verfügung zu stellen, die sie gar nicht selbst initiiert hatten.

3. Menschen mögen Orientierung und Beratung.
Gerade WEIL Lernangebote jetzt in unglaublichem Umfang zur Verfügung stehen, braucht es viel mehr Sortieren, Einordnen, Führen, Beraten, Begleiten, Überblick, Coaching.
Die Bildungsberatung war schon immer ein wichtiger Teil der Arbeit regionaler Bildungsanbieter gewesen. Nach 2022 wurde dieser Bereich systematisch ausgebaut. Lernende fanden in den Volkshochschulen – online und vor Ort – individuelle Unterstützungsangebote auf drei Ebenen:
a. Persönliche Bildungsberatung – mit dem Fokus „WIE lerne ich am besten …?“;
b. Regionale Bildungsberatung – mit dem Fokus „WO lerne ich am besten …?“ und
c. fachliche Bildungsberatung – mit dem Fokus „WAS lerne ich am besten …?“
Die entsprechenden Angebote wurden innerhalb weniger Jahre zentrale Wegweiser für Erwachsene, die selbstgesteuert und zielgerichtet lernen wollten.

4. Menschen mögen Unterstützung und Betreuung.
Vom selbständigen Lernen profitieren bisher vor allem diejenigen, die ohnehin schon privilegiert sind. Wir müssen gezielt diejenigen Menschen unterstützen, die die neuen Möglichkeiten noch nicht wahrnehmen.

Die grenzenlosen Möglichkeiten des Lernens im digitalen Zeitalter waren von Anfang an auch als Chance für Menschen gesehen worden, die bisher weniger Zugang zu Bildungsgelegenheiten hatten. Die UNESCO engagierte sich unter dem Schlagwort „Bildung für alle“ – auch ein alter Slogan der Volkshochschulen. Es zeigte sich jedoch ein Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Von den neuen Möglichkeiten profitierten überproportional diejenigen, die ohnehin schon gut selbständig lernen und sich in neuen Umgebungen zurechtfinden konnten. Die Volkshochschulen starteten daraufhin verstärkt Unterstützungsangebote. Diese zielten darauf ab, die Kompetenzen für das selbständige Lernen, für den Umgang mit digitalen Medien, für Orientierung im digitalen Raum zu fördern. Außerdem wurden lokale Treffen für große Online-Angebote initiiert. Im Jahr 2024 hatte „3D-Druck-Werkstatt für Dummies“, der (bis dahin) größte Online-Kurs im deutschsprachigen Raum, über 330.000 Teilnehmende. An 280 VHS-Standorten bildeten sich regionale Lerngruppen – ohne dass die Teilnahme daran von den Kursmachern vorgeschrieben gewesen wäre.

5. Menschen mögen sich etwas vornehmen.
Wir müssen anerkennen, dass Antriebskraft bzw. Ausgangsfrage für die Teilnahmen an unseren Angebote gar nicht die Entscheidung „Ich will etwas Bestimmtes lernen“ ist, sondern die Frage „Was mache ich denn dieses Jahr mal bei der VHS?“

Lange Zeit war die Motivation von Menschen, die die Angebote von Volkshochschulen nutzen, von den Anbietern rational eingeschätzt worden. Ausschlagend sei das thematische Angebot – alles andere wäre nettes Beiwerk. Langsam setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass häufig gerade das Beiwerk wichtig und die Teilnahme als Selbstzweck vielen Menschen wertvoll war. Gerade weil mit dem Internet ein Lernen unabhängig von Raum und Zeit möglich war, mussten sich die Lernenden nun ihre Routinen und Strukturen selbst schaffen. Es war wie bei manchen Joggern, die sich mit anderen zu Laufgruppen zusammentaten, um zu bestimmten Zeiten gemeinsam zu laufen – nicht obwohl, sondern weil sie durch die Verabredung an feste Zeiten und Orte gebunden waren.

6. Menschen mögen gerne Dinge selber machen.
Neue Entwicklungen wie 3D-Drucker, Mini-Computer, günstige Foto-/Videotechnik oder die Do-it-yourself-(DIY-)Bewegung führen zu einer Renaissance des Selber-Machens. Wir können Anleitung und Orte dafür bieten.

Oft war er belächelt worden: der Töpferkurs, einer der Klassiker unter den VHS-Angeboten. Doch ab 2018 wurde das handwerkliche „Machen“ wieder zu einem Schwerpunkt der VHS-Programme. Kurioserweise hatte gerade der virtuelle Raum des World Wide Webs zu einem Wiedererstarken des Selber-Machen und Gestalten-Wollens geführt. Ob es um 3D-Drucker oder Smartphone-Videos ging, um Rezepte für Bier oder Kaffee, um Handarbeit mit Elektrobauteilen oder Wolle – das Netz brachte Menschen dazu, Dinge – im Wortsinne – selbst in die Hand nehmen zu wollen. Das Internet lieferte Anleitungen, Tipps und Tricks, Bestellmöglichkeiten für notwendige Materialien und Foren für den Austausch. In den Städten eröffneten „MakerSpaces“, in denen man sich austauschen und ausprobieren konnte. Zunehmend waren es die Volkshochschulen, die solche Angebote machten.

7. Menschen mögen ihre lokale Umgebung.
Wir als Volkshochschulen haben einen enormen Vorzug: Häuser. Wir sind in der Nähe der Menschen. Diesen Vorteil müssen wir ausnutzen, indem wir uns mit dem beschäftigen, was Menschen an diesen Orten beschäftigt.

Gerade diese These klangt für viele Funktionäre zunächst banal – entfaltete aber große Wirkung. Wenn im digitalen Raum alles gleich nah bzw. gleich weit entfernt ist, dann gewinnt die Nachbarschaft an Bedeutung. Volkshochschulen machten in der Folge vermehrt Angebote zu Orten und Aktivitäten in ihren Städten und Stadtteilen. Zusammen mit einer verstärkten Ausrichtung als „Community Center“ wurden die Bildungshäuser verstärkt Orte des Politischen, an denen es um die Gestaltung der unmittelbaren Lebensumgebung ging.

8. Menschen mögen Zertifikate.
Die große Vielfalt von Bildungsmöglichkeiten erhöht die Unübersichtlichkeit für Lernende – und auch Bildungsanbieter, Arbeitgeber und andere. Die „Marke VHS“ bietet Orientierung und Vertrauen.

Viel mehr Lerngelegenheiten als früher finden heute in informalen Kontexten statt. Dennoch braucht es immer noch Zeugnisse und Zertifikate. Die Volkshochschulen sorgten mit einer Zertifizierung von Lernergebnissen – nicht nur für die eigenen Angebote – für Überblick. Jede größere VHS bietet heute die Möglichkeiten, Prüfungen und Leistungsnachweise in verschiedenen Bereichen abzulegen und sich entsprechende Leistungen und Kompetenzen bescheinigen zu lassen.

9. Die Lernenden mögen sich emanzipieren – wir müssen für sie da sein!
Im 21. Jahrhundert sind Lernende nicht mehr auf bestimmte Räume, bestimmte Zeiten, bestimmte Unterrichtsmaterialien, bestimmte Lehrende oder bestimmte Infrastruktur angewiesen! Sie schaffen sich ihre eigene Lern-Infrastruktur! Entweder unter dem Dach der VHS – oder ohne sie.
Diese neunte These wurde beim Kongress „Erweiterte Lernwelten“ des Bundesverbandes der Volkshochschulen 2022 nachträglich hinzugefügt. In der Diskussion über die Thesen hatten viele Redner aktuelle Trends in der Bildungswelt grundsätzlich kritisiert, gerade wenn sie mit der Digitalisierung zusammenhingen. Die Mehrheitsmeinung setze sich aber durch: Die Welt ändert sich rasant. Wir können das nicht aufhalten. Wir können es entweder mitgestalten – oder zugucken.

 

 

 

5 Gedanken zu “Neun Thesen zum lebensbegleitend lernenden Menschen

  1. Karl Valentin sagte: das Prognosen besonders dann schwierig sind, wenn sie die Zukunft betreffen. Die neun Thesen beschreiben eine Gegenwart, wie wir sie gern hätten, und vielleicht werden sie ja auch 2042 noch gelten. Gleichzeitig wirken sie schon ein wenig rückwärts gewandt und in ihren Begründungen manchmal wie eine Parodie. Es fällt mir schwer, das wirklich ernst zu nehmen.
    Aber es geht auch um die entscheidende Frage, welche Bedeutung die VHS in Zukunft haben wird und vor allem haben kann. Dass sie sich dabei auf ihre Kernkompetenzen besinnt und sich ihre wichtigen Vorzüge und Werte bewusst macht, macht einen wesentlichen Teil der Diskussion aus. Es wäre aber fatal, deswegen auf die Erweiterungen und durchaus faszinierenden Chancen und Möglichkeiten digitaler Medien zu verzichten. Online kann das Lernen vor Ort nicht ersetzen, wohl aber sinnvoll ergänzen.
    In der Medizingeschichte gab es vor etwas mehr als 100 Jahren eine heftige Auseinandersetzung, ob Bücher in der medizinischen Lehre zugelassen werden dürfen. Auch hier wurden die ersten Erfahrungen als eher abschreckend beschrieben. Vor allem wurde befürchtet, dass dann an die Stelle wirklicher Ärzte nur noch „Buchgelehrte“ treten, die keine Ahnung von dem hätten, was Kranke wirklich heilen kann. Das kann nur und ausschließlich mündlich weitergegeben werden. Übrigens berief man sich dabei auf keinen Geringeren als Plato. Heute kommt uns diese Auseinandersetzung völlig absurd vor.
    Für mich liegt die Zukunft der VHS darin, dass sie ihre Spielräume für Experimente nutzt, sowohl mit neuen Formen der Lernbegleitung offline und online, als auch in der Kompetenzentwicklung, einerlei ob beruflich motiviert oder anderen Gründen wie Interesse, Neugier und dem Wunsch einer Gemeinschaft anzugehören.

  2. Mir gefällt das Plädoyer für das Hier und Jetzt, wie es Herr Muuß-Merholz entwickelt, auch wenn es stellenweise etwas zu idyllisch daherkommt. Deutlich widersprechen möchte ich allerdings der These 8: „Menschen mögen Zertifikate“. Zertifikate mag nur die Ökonomie. Leider ist die Leistungsmessung und Durch-Ökonomisierung unseres Lebens so weit fortgeschritten, dass viele Leute meinen, dass sie Zertifikate mögen würden. Auch dagegen sollten Volkshochschulen etwas unternehmen!

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  5. „Die Welt ändert sich rasant. Wir können das nicht aufhalten. Wir können es entweder mitgestalten – oder zugucken.“

    Diesen Satz aus der neunten These unterstreiche ich vollkommen – verstehe ihn aber vollständig anders als der Autor. Volkshochschule hat (bisher) die Kernaufgabe der politischen und gesellschaftlichen Bildung und befähigt so zum Mitgestalten. Ein (bisheriges) Alleinstellungsmerkmal der vhs ist das Angebot einer umfassenden Allgemeinbildung, die die Vermittlung geistiger, sozialer, ästhetische, kultureller und inter- bzw. transkultureller Bildung bedeutet. Bei der dargestellten (gewünschten?) Entwicklung des lebenslangen Lernens, die letztendlich auf das Ich, auf die Selbstoptimierung des Einzelnen zielt, ist der Gedanke, dass die Volkshochschule auch zum Wir, zum sozialen und kulturellen Zusammenhalt unserer Gesellschaft beitragen kann, nur in Ansätzen vorhanden. Skeptisch bin ich, dass die für das Wir benötigten Kompetenzen über die in den neun Thesen dargestellten Angebote ausreichend vermittelt werden können. Hier sollten wir noch einmal nachdenken, was Volkshochschule ausmacht und welches Menschenbild wir unserer Arbeit zugrunde legen.

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